Wer heute Gold bei einem seriösen Ankäufer verkauft, erlebt oft eine erstaunlich schnelle Prüfung: Der Ring, die Kette oder die Münze wird in ein kastenförmiges Gerät gelegt, nach einigen Sekunden erscheinen auf dem Bildschirm Prozentwerte für Gold, Silber, Kupfer und weitere Metalle. Dahinter steckt die Röntgenfluoreszenzanalyse, kurz RFA, im Englischen XRF für „X-ray fluorescence“. Sie hat die klassische Strichprobe mit Prüfsäuren in vielen Geschäften ergänzt oder abgelöst.

Dieser Ratgeber erklärt, wie das Verfahren funktioniert, wie genau es ist, welche Schwächen es hat und was Sie als Verkäufer oder Käufer darüber wissen sollten.

Das Prinzip in einfachen Worten

Jedes chemische Element hat einen charakteristischen Aufbau seiner Elektronenhülle. Trifft energiereiche Röntgenstrahlung auf ein Atom, kann sie ein Elektron aus einer inneren Schale herausschlagen. Die entstandene Lücke wird sofort von einem Elektron aus einer äußeren Schale gefüllt. Dabei wird Energie in Form einer schwächeren Röntgenstrahlung abgegeben, der sogenannten Fluoreszenzstrahlung.

Das Entscheidende: Die Energie dieser Fluoreszenzstrahlung ist für jedes Element typisch, wie ein Fingerabdruck. Ein Detektor im Messgerät misst, welche Energien in welcher Intensität zurückkommen. Die Software berechnet daraus, welche Elemente in welchem Anteil vorhanden sind.

Vereinfacht läuft eine Messung so ab:

  1. Das Prüfstück wird auf ein Messfenster gelegt.
  2. Eine kleine Röntgenröhre bestrahlt einen winzigen Punkt der Oberfläche.
  3. Der Detektor erfasst die Fluoreszenzstrahlung.
  4. Die Software vergleicht das Spektrum mit Kalibrierdaten und gibt die Zusammensetzung in Prozent oder Promille aus.

Die gesamte Messung dauert meist zwischen 10 und 60 Sekunden. Das Prüfstück wird dabei nicht beschädigt.

Was das Gerät anzeigt

Ein typisches Messergebnis für einen Ring aus 585er Gelbgold könnte, als angenommenes Beispiel, so aussehen:

Element Anteil (angenommenes Beispiel)
Gold (Au) 58,6 %
Silber (Ag) 20,9 %
Kupfer (Cu) 19,8 %
Zink (Zn) 0,7 %

Daraus ergibt sich ein Feingehalt von rund 586 Promille, passend zur Punze 585. Wie Feingehalt, Karat und Punzen zusammenhängen, erklärt der Ratgeber Gold-Feingehalt und Karat-Tabelle. Die Stempel selbst lesen Sie mit dem Ratgeber Goldpunzen lesen.

Vorteile der Röntgenfluoreszenz

Vorteil Bedeutung
zerstörungsfrei keine Kratzer, keine Säure, keine Spuren am Schmuck
schnell Ergebnis in Sekunden bis einer Minute
mehrere Elemente gleichzeitig Gold, Silber, Kupfer, Zink, Palladium, Nickel, Platin und weitere
genauer als die Strichprobe Feingehalt auf wenige Promille statt in groben Stufen
transparent das Ergebnis kann dem Kunden auf dem Bildschirm gezeigt werden
für viele Metalle auch Silber, Platin und Palladium lassen sich prüfen

Gegenüber der klassischen Strichprobe mit Prüfstein und Säuren ist die RFA bequemer und für das Schmuckstück schonender. Beim Säuretest wird ein Strich auf einem Prüfstein gezogen, und mancher Händler feilt bei Unsicherheit eine kleine Stelle an. Wie der Säuretest funktioniert, zeigt der Ratgeber Gold-Säuretest Anleitung.

Die wichtigste Grenze: Die RFA sieht nur die Oberfläche

So beeindruckend die Technik ist, sie hat eine entscheidende Einschränkung: Die Röntgenstrahlung dringt bei Gold nur wenige Mikrometer tief ein. Das Gerät misst also die Zusammensetzung der äußersten Schicht, nicht des gesamten Stücks.

Daraus ergeben sich typische Fehlerquellen:

Vergoldete Gegenstände

Bei vergoldetem Schmuck kann eine ausreichend dicke Goldschicht die RFA täuschen. Das Gerät misst dann hauptsächlich die Auflage und zeigt einen hohen Goldgehalt. Moderne Geräte erkennen dünne Schichten oft, weil die Signale des Grundmetalls durchscheinen, und manche Software kann Schichtdicken berechnen. Bei dickeren Auflagen, etwa Doublé oder Vermeil, ist die Unterscheidung aber schwieriger. Erfahrene Prüfer achten deshalb zusätzlich auf Punzen, Abnutzungsstellen und Gewicht. Mehr dazu in den Ratgebern Doublé: Wert und Erkennung und Vergoldeter Schmuck: Wert.

Barren mit Fremdkern

Ein Goldbarren mit einem Kern aus Wolfram und einer echten Goldhülle ist der klassische Fall, den die RFA nicht erkennen kann. Die Oberfläche besteht aus echtem Feingold, das Gerät zeigt 999,9 Promille an. Für solche Fälschungen braucht es andere Verfahren: Dichtebestimmung, Ultraschall, Leitfähigkeitsmessung oder im Zweifel das Aufbohren durch eine Scheideanstalt. Hintergründe im Ratgeber Goldbarren-Fälschungen mit Wolfram.

Lötstellen und Mischstücke

Schmuckstücke bestehen oft aus mehreren Teilen mit unterschiedlichem Feingehalt. Ein Verschluss kann aus anderem Material sein, Lötstellen enthalten oft weniger Gold. Eine Messung an nur einer Stelle gibt deshalb nicht immer den Durchschnitt des ganzen Stücks wieder. Gute Prüfer messen an mehreren Stellen.

Oberflächeneffekte

Verschmutzungen, Lack, Rhodinierung bei Weißgold oder eine Anreicherung bestimmter Metalle an der Oberfläche können das Ergebnis verfälschen. Weißgold wird häufig rhodiniert, was die Messung des Goldanteils stören kann. Mehr dazu im Ratgeber Weißgold: Wert und Verkauf.

Wie genau ist die RFA?

Die Genauigkeit hängt vom Gerät, der Kalibrierung und dem Prüfstück ab. Hochwertige stationäre Tischgeräte, wie sie in Scheideanstalten und bei großen Ankäufern stehen, erreichen bei homogenen, sauberen Proben eine Genauigkeit im Bereich weniger Promille. Mobile Handgeräte sind meist etwas ungenauer.

Zum Vergleich der Prüfverfahren:

Verfahren Genauigkeit Zerstörung Sieht ins Innere?
Magnettest nur grobe Vorprüfung nein nein
Strichprobe mit Säure grob, in Feingehaltsstufen geringe Spur nein
Dichtemessung mittel nein indirekt, als Durchschnitt
Röntgenfluoreszenz gut an der Oberfläche nein nein
Ultraschall und Leitfähigkeit gut für Fremdkerne nein ja
Feuerprobe (Kupellation) sehr hoch, Referenzverfahren ja, Probe wird verbraucht ja

Die Feuerprobe, bei der eine kleine Probe eingeschmolzen und das Gold abgetrennt wird, gilt als genauestes Verfahren. Sie wird in Scheideanstalten eingesetzt, wenn ein exakter Wert gebraucht wird. Wie Scheideanstalten arbeiten, beschreibt der Ratgeber Scheideanstalt: Was ist das?.

Was das für Verkäufer bedeutet

Wenn Sie Gold verkaufen, ist eine RFA-Prüfung grundsätzlich ein gutes Zeichen. Sie ist transparent und schont Ihren Schmuck. Einige Tipps:

  1. Ergebnis zeigen lassen: Seriöse Ankäufer zeigen Ihnen das Messergebnis auf dem Bildschirm. Bitten Sie darum, wenn es nicht von selbst geschieht.
  2. Mehrere Messpunkte: Bei größeren Stücken oder Ketten mit Verschluss sollte an mehreren Stellen gemessen werden.
  3. Gewicht prüfen: Der Feingehalt allein bestimmt den Preis nicht. Achten Sie darauf, dass auf einer geeichten Waage vor Ihren Augen gewogen wird.
  4. Selbst nachrechnen: Feingoldgewicht ist Gewicht mal Feingehalt. Mit dem Goldwert-Rechner können Sie den Materialwert vorab berechnen.
  5. Angebote vergleichen: Die Prüftechnik sagt nichts über die Höhe des Ankaufspreises. Holen Sie mehrere Angebote ein. Hinweise gibt der Ratgeber Altgold-Angebote vergleichen.

Ein Rechenbeispiel

Angenommen, die RFA zeigt für eine Kette mit 12,0 Gramm einen Goldanteil von 58,5 Prozent. Das Feingoldgewicht beträgt dann 12,0 × 0,585 = 7,02 Gramm. Bei einem angenommenen Goldpreis von 100 Euro je Gramm entspricht das einem Materialwert von 702 Euro. Ein Ankaufsangebot sollte sich an diesem Wert orientieren, abzüglich einer nachvollziehbaren Marge. Den aktuellen Kurs finden Sie auf der Seite Goldpreis.

Was das für Käufer bedeutet

Wer Gold von Privatpersonen oder auf Flohmärkten kauft, kann eine RFA-Prüfung bei einem Juwelier oder Goldankäufer in Auftrag geben. Manche Geschäfte bieten das gegen eine kleine Gebühr an. Für Anlagebarren ist die RFA allein aber nicht ausreichend, weil sie Fremdkerne nicht erkennt. Hier sollte zusätzlich eine Dichte- oder Ultraschallprüfung erfolgen, oder Sie kaufen von vornherein bei seriösen Händlern. Einfache Vorprüfungen zu Hause beschreiben die Ratgeber Gold-Magnettest und Gold-Dichtetest mit Wasser.

Ist die Strahlung gefährlich?

Die Röntgenröhren in Tischgeräten für den Edelmetallhandel sind abgeschirmt. Die Strahlung wird nur bei geschlossenem Messraum erzeugt, und die Geräte unterliegen den Vorschriften des Strahlenschutzes. Für Kunden, die neben dem Gerät stehen, besteht nach den geltenden Regeln keine relevante Strahlenbelastung. Das Schmuckstück selbst wird durch die Messung nicht radioaktiv und verändert sich nicht. Bei Handgeräten gelten besondere Sicherheitsregeln für den Bediener.

Fazit

Die Röntgenfluoreszenzanalyse ist heute das Standardverfahren, mit dem Goldankäufer und Scheideanstalten Schmuck, Münzen und Barren schnell und zerstörungsfrei prüfen. Sie bestimmt die Zusammensetzung der Oberfläche auf wenige Promille genau und zeigt neben Gold auch Silber, Kupfer und weitere Metalle an. Ihre wichtigste Grenze: Sie sieht nur wenige Mikrometer tief. Dicke Vergoldungen und Barren mit Wolframkern können sie täuschen. Seriöse Prüfer kombinieren die RFA deshalb mit Gewicht, Dichte, Punzen und bei Barren mit Ultraschall. Als Verkäufer sollten Sie sich das Ergebnis zeigen lassen, das Gewicht kontrollieren und den Materialwert selbst nachrechnen.