Die Jahre von 2011 bis 2015 gehören zu den lehrreichsten in der jüngeren Geschichte des Goldpreises. Zunächst erreichte Gold im Spätsommer 2011 ein Rekordhoch von über 1.900 Dollar je Unze, getragen von Schuldenkrisen in Europa und den USA. Dann folgten ein jahrelanger Rückgang, ein spektakulärer Einbruch im April 2013 und schließlich ein Tiefpunkt Ende 2015, bei dem Gold mehr als 40 Prozent unter seinem Hoch notierte.
Dieser Artikel zeichnet die Entwicklung nach, erklärt die Ursachen und zeigt, was Anleger aus dieser Phase lernen können.
Der Weg zum Rekord 2011
Nach der Finanzkrise 2008 stieg der Goldpreis fast ununterbrochen. Die Gründe sind im Ratgeber Gold in der Finanzkrise 2008 beschrieben: Leitzinsen nahe null, Anleihekäufe der Notenbanken und ein tiefer Vertrauensverlust in Banken. 2010 und 2011 kamen neue Krisen hinzu:
- Eurokrise: Griechenland, Irland und Portugal benötigten Rettungspakete, die Sorge um Spanien und Italien wuchs. Viele europäische Anleger kauften Gold als Schutz vor einem Auseinanderbrechen der Währungsunion.
- US-Schuldenstreit: Im Sommer 2011 stritten Regierung und Kongress über die Anhebung der Schuldenobergrenze. Im August senkte die Ratingagentur Standard & Poor's erstmals die Bonität der USA von der Bestnote ab.
- Weitere Geldpolitik: Die US-Notenbank kündigte an, die Zinsen über Jahre niedrig zu halten.
- Starke Nachfrage aus Asien: Indien und China kauften Rekordmengen an Schmuck, Barren und Münzen.
- Fondsnachfrage: Börsengehandelte Goldfonds verzeichneten hohe Zuflüsse.
Im August und Anfang September 2011 beschleunigte sich der Anstieg. Am 6. September 2011 erreichte Gold im Tagesverlauf rund 1.920 Dollar je Unze. Das war nominal ein Rekord, inflationsbereinigt lag das Hoch von 1980 aber noch höher. Mehr dazu im Ratgeber Goldpreis 1980: Rekord und Absturz.
Erste Risse: Margin-Erhöhungen und Korrektur
Unmittelbar nach dem Rekord setzte eine scharfe Korrektur ein. Die Terminbörse CME erhöhte im August und September 2011 mehrfach die Sicherheitsleistungen für Gold-Futures. Spekulanten, die mit Kredit handelten, mussten Positionen verkleinern. Bis Ende September 2011 fiel Gold auf rund 1.600 Dollar. Wie Futures und Sicherheitsleistungen funktionieren, erklärt der Ratgeber Gold-Futures.
Silber hatte sein Hoch bereits im April 2011 bei knapp 50 Dollar erreicht und brach Anfang Mai innerhalb weniger Tage um rund ein Viertel ein, ebenfalls nach mehreren Margin-Erhöhungen.
In den folgenden 18 Monaten bewegte sich Gold in einer breiten Spanne zwischen etwa 1.550 und 1.800 Dollar. Die Eurokrise beruhigte sich, nachdem EZB-Präsident Mario Draghi im Juli 2012 erklärte, die EZB werde alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten.
Der Crash im April 2013
Anfang 2013 drehte die Stimmung. Die Weltwirtschaft erholte sich, Aktien stiegen, und die Erwartung wuchs, dass die US-Notenbank ihre Anleihekäufe bald zurückfahren werde. Goldfonds verzeichneten erste Abflüsse.
Dann kam der April 2013:
| Datum | Ereignis | Goldpreis (circa) |
|---|---|---|
| Anfang April 2013 | Berichte über mögliche Goldverkäufe Zyperns zur Finanzierung der Bankenrettung | rund 1.575 $ |
| 12. April 2013 (Freitag) | massive Verkaufsaufträge am Terminmarkt, Preis fällt unter wichtige Marken | rund 1.475 $ |
| 15. April 2013 (Montag) | Fortsetzung der Verkaufswelle, größter Tagesverlust seit Jahrzehnten | rund 1.350 $ |
Innerhalb von zwei Handelstagen verlor Gold rund 200 Dollar oder etwa 13 Prozent. Der Rückgang am 15. April gilt als einer der größten Tagesverluste in der Geschichte des freien Goldpreises.
Die Ursachen
Mehrere Faktoren kamen zusammen:
- Zypern: Die Nachricht, dass das krisengeschüttelte Zypern einen Teil seiner Goldreserven verkaufen könnte, weckte die Sorge, auch andere hoch verschuldete Euroländer könnten Gold abgeben. Tatsächlich ging es nur um rund 10 Tonnen, doch die Signalwirkung war groß.
- Erwartete Zinswende: Der Markt preiste ein, dass die Ära der ultralockeren Geldpolitik zu Ende gehen könnte. Steigende Realzinsen belasten Gold. Den Zusammenhang erklärt der Ratgeber Realzins und Goldpreis.
- Großverkäufe am Terminmarkt: Am 12. April wurden innerhalb kurzer Zeit sehr große Mengen an Gold-Futures verkauft. Das löste Stop-Loss-Orders aus und verstärkte den Rückgang.
- Technische Marken: Viele Händler hatten Verkaufsorders unterhalb der Marke von 1.525 Dollar platziert, dem unteren Ende der Spanne seit 2011. Als diese Marke fiel, beschleunigte sich der Abverkauf.
- Stimmungswechsel: Große Investmentbanken senkten ihre Prognosen für Gold deutlich.
Physische Käufer kaufen den Einbruch
Bemerkenswert war die Reaktion der physischen Käufer. Während Terminhändler und Fonds verkauften, stürmten Privatkäufer in Indien, China, Europa und den USA die Läden. Händler berichteten von Lieferengpässen bei Münzen und Kleinbarren, die Aufgelder stiegen. Die Nachfrage nach Barren und Münzen erreichte 2013 ein Rekordniveau, angeführt von China. Wie wichtig China für den Goldmarkt geworden ist, erklärt der Ratgeber Shanghai Gold Exchange.
Juni 2013: der Taper-Schock
Im Mai und Juni 2013 deutete Fed-Chef Ben Bernanke an, die Anleihekäufe im Laufe des Jahres zu verringern. Die Renditen von US-Staatsanleihen stiegen sprunghaft, und Gold fiel Ende Juni 2013 auf rund 1.180 Dollar. Damit hatte es seit dem Hoch mehr als 35 Prozent verloren. Insgesamt verlor Gold im Jahr 2013 rund 28 Prozent, der größte Jahresverlust seit über 30 Jahren.
Massive ETF-Abflüsse
Ein wesentlicher Treiber des Rückgangs waren Abflüsse aus Goldfonds. Der größte Gold-ETF der Welt verlor 2013 mehrere hundert Tonnen Gold an Beständen. Institutionelle Anleger, die in den Jahren zuvor in Gold eingestiegen waren, zogen sich zurück und schichteten in Aktien um, die stark stiegen. Den Unterschied zwischen ETF und physischem Besitz erklärt der Ratgeber Gold-ETF vs. physisches Gold.
Indiens Importzölle
Auch Indien trug zur Schwäche bei. Die Regierung erhöhte 2013 die Einfuhrzölle auf Gold mehrfach, bis auf 10 Prozent, und führte Regeln ein, die Importe an Re-Exporte koppelten. Ziel war es, das Leistungsbilanzdefizit zu verringern. Die offiziellen Importe sanken, ein Teil der Nachfrage wich in den Schmuggel aus. Mehr zur Bedeutung Indiens im Ratgeber Indiens Goldnachfrage.
2014 und 2015: der lange Abstieg
Nach einer kurzen Erholung setzte sich der Rückgang fort. Der US-Dollar wertete 2014 und 2015 stark auf, weil die Fed das Ende der Anleihekäufe und erste Zinserhöhungen vorbereitete. Ölpreis und Rohstoffe brachen ein, die Inflation blieb niedrig. Im Dezember 2015 erhöhte die Fed erstmals seit fast zehn Jahren den Leitzins. Unmittelbar danach erreichte Gold seinen Tiefpunkt bei rund 1.050 Dollar je Unze, bevor die Erholung einsetzte.
| Zeitpunkt | Goldpreis in US-Dollar (circa) | Veränderung zum Hoch |
|---|---|---|
| September 2011 | 1.920 $ | – |
| Ende 2012 | 1.675 $ | rund −13 % |
| Juni 2013 | 1.180 $ | rund −39 % |
| Ende 2014 | 1.200 $ | rund −38 % |
| Dezember 2015 | 1.050 $ | rund −45 % |
Die Euro-Perspektive
Für Anleger in Euro sah die Entwicklung etwas freundlicher aus. Weil der Euro in diesen Jahren gegenüber dem Dollar deutlich nachgab, besonders 2014 und 2015, fiel der Goldpreis in Euro weniger stark. Das Hoch in Euro wurde zudem erst im Herbst 2012 erreicht. Der Rückgang bis Ende 2015 fiel in Euro deshalb merklich geringer aus als in Dollar. Den Zusammenhang erklärt der Ratgeber Goldpreis in Euro und Dollar.
Die Erholung
Ab 2016 begann eine langsame Erholung. Einen kräftigen Schub brachten 2019 erneute Zinssenkungen und 2020 die Corona-Pandemie. Im August 2020 übertraf Gold mit über 2.000 Dollar erstmals das Hoch von 2011, fast neun Jahre später. Den langfristigen Verlauf zeigt der Artikel Goldpreis Chart 20 Jahre.
Lehren für Anleger
- Euphorie ist ein Warnsignal: 2011 waren Gold-Prognosen von 3.000 oder 5.000 Dollar allgegenwärtig. Wer auf dem Höhepunkt der Begeisterung kaufte, musste lange warten.
- Gold reagiert auf Realzinsen: Die Aussicht auf steigende Zinsen war der wichtigste Grund für den Rückgang ab 2013.
- Hebel verstärkt Verluste: Margin-Erhöhungen und Zwangsverkäufe beschleunigten 2011 und 2013 die Rückgänge.
- Physisch und Papier verhalten sich unterschiedlich: Während Terminhändler verkauften, kauften physische Käufer zu niedrigeren Preisen.
- Regelmäßig kaufen statt Timing: Wer kontinuierlich kaufte, nutzte die niedrigen Preise von 2013 bis 2015. Mehr dazu im Ratgeber Cost-Average-Effekt bei Gold.
- Quote statt All-in: Wer Gold als begrenzte Beimischung hielt, konnte den Rückgang verkraften und durch Rebalancing sogar nutzen. Hinweise gibt der Ratgeber Gold: Volatilität und Risiko.
Fazit
Von 2011 bis 2015 durchlief Gold einen vollständigen Zyklus aus Euphorie und Ernüchterung. Schuldenkrisen in Europa und den USA trieben den Preis im September 2011 auf rund 1.920 Dollar je Unze. Danach folgten Margin-Erhöhungen, eine lange Seitwärtsphase und im April 2013 ein Einbruch um rund 13 Prozent an zwei Tagen, ausgelöst durch Zinswende-Erwartungen, Zypern-Sorgen und Großverkäufe am Terminmarkt. Massive ETF-Abflüsse, ein starker Dollar und die erste Zinserhöhung der Fed drückten Gold bis Dezember 2015 auf rund 1.050 Dollar. Erst 2020 wurde das alte Hoch übertroffen. Die wichtigste Lehre: Gold braucht Geduld, eine vernünftige Gewichtung und Disziplin statt Prognosegläubigkeit. Den aktuellen Kurs finden Sie auf der Seite Goldpreis.




