Das Jahr 2020 war für den Goldmarkt in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Die Corona-Pandemie löste den schnellsten Börsencrash der Geschichte aus, Notenbanken und Regierungen reagierten mit beispiellosen Hilfsprogrammen, und der physische Goldhandel geriet durch geschlossene Raffinerien und eingestellte Flüge ins Stocken. Am Ende stand ein neues Rekordhoch des Goldpreises in US-Dollar.

Dieser Artikel zeichnet den Verlauf nach, erklärt die Besonderheiten dieses Jahres und zieht Lehren für Anleger.

Ausgangslage: Gold im Aufwind

Schon vor der Pandemie befand sich Gold in einem Aufwärtstrend. Nach der langen Schwächephase von 2013 bis 2015, beschrieben im Ratgeber Goldpreis 2011 bis 2015, hatte sich der Preis allmählich erholt. 2019 senkte die US-Notenbank mehrfach die Zinsen, Handelskonflikte zwischen den USA und China belasteten die Weltwirtschaft, und die Zentralbanken kauften weiter Gold. Ende 2019 lag der Goldpreis bei rund 1.520 Dollar je Unze. Im Januar und Februar 2020 stieg er weiter, als die ersten Nachrichten über das neue Virus aus China kamen.

März 2020: der Liquiditätsschock

Als sich das Virus Ende Februar und Anfang März 2020 in Europa und den USA ausbreitete, brachen die Aktienmärkte ein. Innerhalb weniger Wochen verloren wichtige Indizes rund ein Drittel ihres Werts. Gold stieg zunächst auf rund 1.700 Dollar Anfang März.

Dann fiel auch Gold. Innerhalb von gut einer Woche sank der Preis bis Mitte März auf rund 1.470 Dollar, ein Rückgang von über 12 Prozent. Der Grund war derselbe wie in der Finanzkrise 2008: Investoren brauchten dringend Liquidität. Fonds mussten Rückgaben bedienen, gehebelte Anleger Nachschussforderungen erfüllen. Gold war eine der wenigen Anlagen, die sich jederzeit verkaufen ließen. Es wurde nicht verkauft, weil es schlecht war, sondern weil es liquide war. Den Vergleich mit 2008 zieht der Ratgeber Gold in der Finanzkrise 2008.

Silber traf es noch härter. Der Silberpreis fiel im März 2020 zeitweise auf rund 12 Dollar je Unze, den tiefsten Stand seit über zehn Jahren.

Die Reaktion der Notenbanken

Die US-Notenbank senkte im März 2020 in zwei Notsitzungen den Leitzins auf nahe null und kündigte unbegrenzte Anleihekäufe an. Andere Notenbanken folgten. Regierungen weltweit beschlossen Hilfsprogramme in Billionenhöhe. Die Realzinsen, also die Zinsen nach Abzug der Inflation, fielen deutlich in den negativen Bereich.

Für Gold war das ein starker Rückenwind. Negative Realzinsen bedeuten, dass zinslose Anlagen wie Gold im Vergleich zu Anleihen attraktiver werden. Den Zusammenhang erklärt der Ratgeber Realzins und Goldpreis. Ab Ende März erholte sich der Goldpreis schnell.

Das Lieferchaos

Eine Besonderheit des Jahres 2020 war die Störung der physischen Lieferketten:

Schweizer Raffinerien geschlossen. Ende März ordneten die Behörden im Kanton Tessin die vorübergehende Schließung nicht systemrelevanter Betriebe an. Davon betroffen waren auch drei der größten Goldraffinerien der Welt, die im Tessin ansässig sind. Sie nahmen ihren Betrieb erst nach einigen Wochen schrittweise wieder auf. Wer diese Raffinerien sind, beschreibt unter anderem der Ratgeber PAMP Suisse Goldbarren.

Flugverkehr eingestellt. Gold wird zwischen den Handelszentren meist in Passagierflugzeugen transportiert. Mit dem Zusammenbruch des Flugverkehrs wurde der Transport schwierig und teuer.

Abstand zwischen London und New York. In London werden vor allem große 400-Unzen-Barren gehandelt, an der New Yorker Terminbörse COMEX werden Kilobarren und 100-Unzen-Barren geliefert. Weil Raffinerien, die große Barren in kleinere umschmelzen, geschlossen waren und der Transport stockte, lief der Preis der New Yorker Terminkontrakte zeitweise deutlich über den Londoner Spotpreis hinaus. Der Abstand betrug zeitweise mehr als 50 Dollar je Unze, normalerweise sind es nur wenige Dollar. Wie Terminkontrakte funktionieren, erklärt der Ratgeber Gold-Futures. Die Barrenstandards beschreibt der Ratgeber LBMA Good Delivery Barren.

Leere Regale bei deutschen Händlern

Auch in Deutschland war die Nachfrage nach physischem Gold im Frühjahr 2020 enorm. Viele Edelmetallhändler meldeten Lieferengpässe, insbesondere bei Münzen und kleinen Barren. Manche Händler stellten den Verkauf vorübergehend ein oder nahmen nur noch Bestellungen mit langen Lieferzeiten an. Ladengeschäfte waren durch die Kontaktbeschränkungen teils geschlossen.

Die Aufgelder auf Münzen und Kleinbarren stiegen deutlich. Wer im März und April 2020 kaufen wollte, zahlte oft spürbar mehr über dem Spotpreis als in normalen Zeiten. Die Erfahrung bestätigte, was sich schon 2008 und 2013 gezeigt hatte: In akuten Krisen ist nicht nur der Preis entscheidend, sondern auch die Verfügbarkeit.

Der Weg zum Rekord

Ab April stieg der Goldpreis kontinuierlich. Treiber waren:

  • negative Realzinsen,
  • massive Zuflüsse in Gold-ETFs, die 2020 Rekordmengen Gold aufnahmen,
  • ein schwächerer US-Dollar ab dem Sommer,
  • Sorgen um Staatsverschuldung und künftige Inflation,
  • anhaltende Unsicherheit über den Verlauf der Pandemie.

Im Juli 2020 übertraf Gold das alte Rekordhoch von 2011 bei rund 1.920 Dollar. Am 7. August 2020 erreichte es mit über 2.060 Dollar je Unze ein neues Allzeithoch. In Euro stieg Gold ebenfalls auf Rekordniveau, allerdings fiel der Anstieg wegen des gleichzeitig stärkeren Euro etwas geringer aus. Den Zusammenhang erklärt der Ratgeber Goldpreis in Euro und Dollar.

Silber: vom Tief zur Rallye

Silber vollzog 2020 eine noch spektakulärere Bewegung. Vom Tief um 12 Dollar im März stieg es bis August auf fast 30 Dollar, mehr als eine Verdopplung in wenigen Monaten. Die Kombination aus Krisenschutz, Industriehoffnungen im Zuge von Konjunkturprogrammen und spekulativer Nachfrage trieb den Preis. Die hohe Schwankungsbreite von Silber zeigt der Vergleich im Ratgeber Silber oder Gold.

Herbst 2020: Impfstoff und Korrektur

Im November 2020 wurden erste wirksame Impfstoffe angekündigt. Die Aktienmärkte stiegen kräftig, und Gold verlor an Schwung. Bis Ende 2020 fiel der Goldpreis auf rund 1.890 Dollar, blieb damit aber deutlich über dem Niveau zu Jahresbeginn. Insgesamt stieg Gold 2020 in US-Dollar um rund ein Viertel, eines der stärksten Jahre seit Langem.

Die Rolle der Zentralbanken und Minen

Interessanterweise verhielten sich nicht alle Marktteilnehmer gleich. Während private Anleger und Fonds 2020 massiv Gold kauften, gingen die Käufe der Zentralbanken im Vergleich zu den Vorjahren zurück. Einige Länder, die unter wirtschaftlichem Druck standen, verkauften sogar Teile ihrer Reserven, um Devisen zu beschaffen. Gleichzeitig mussten viele Minen weltweit wegen Corona-Beschränkungen vorübergehend schließen oder ihre Förderung drosseln, etwa in Südafrika, Peru und Kanada. Das Minenangebot ging 2020 leicht zurück.

Auf der Nachfrageseite brach die Schmucknachfrage stark ein, vor allem in Indien und China, wo Geschäfte geschlossen waren und Hochzeiten verschoben wurden. Der Anstieg des Goldpreises wurde 2020 also fast ausschließlich von Investoren getragen, über ETFs, Barren und Münzen. Diese ungewöhnliche Zusammensetzung erklärt auch, warum der Preis nach der Ankündigung der Impfstoffe schnell an Schwung verlor: Als die Investmentnachfrage nachließ, fehlte die Unterstützung durch Schmuck- und Zentralbankkäufe. Mehr zur Rolle der Zentralbanken im Artikel Goldreserven der Welt.

Lehren aus dem Corona-Jahr

  1. Gold kann in der ersten Panikphase fallen. Wie 2008 wurde Gold im März 2020 zunächst verkauft, um Liquidität zu beschaffen. Die Erholung kam aber schnell.
  2. Die Reaktion der Notenbanken ist entscheidend. Niedrige und negative Realzinsen trieben Gold auf ein Rekordhoch.
  3. Physische Verfügbarkeit ist nicht garantiert. Geschlossene Raffinerien, eingestellte Flüge und leere Regale zeigten, dass physisches Gold in Krisen knapp und teuer werden kann.
  4. Rechtzeitig vorsorgen. Wer schon vor der Krise Gold besaß, musste sich keine Gedanken über Lieferengpässe und hohe Aufgelder machen.
  5. Nicht im Hype kaufen. Wer im August 2020 zum Rekordpreis kaufte, sah in den folgenden Monaten zunächst Verluste.
  6. Diversifikation wirkt. Wer Gold als Beimischung hielt, konnte im März mit Gold Aktien nachkaufen und im August einen Teil der Goldgewinne mitnehmen. Mehr dazu im Ratgeber Rebalancing mit Gold.

Fazit

Das Jahr 2020 brachte für Gold einen kurzen, scharfen Einbruch im März, als Investoren in der Corona-Panik Liquidität brauchten, und danach eine kräftige Rallye bis auf ein Rekordhoch von über 2.060 Dollar im August. Treiber waren Zinssenkungen, negative Realzinsen, gewaltige Hilfsprogramme und Rekordzuflüsse in Gold-ETFs. Gleichzeitig zeigten geschlossene Raffinerien im Tessin, eingestellte Flüge, der ungewöhnliche Preisabstand zwischen London und New York und leere Regale bei Händlern, wie verletzlich die physische Lieferkette ist. Die wichtigste Lehre: Gold gehört vor der Krise ins Depot, nicht erst mitten in ihr. Den aktuellen Kurs finden Sie auf der Seite Goldpreis.