„Gold bringt keine Zinsen“ ist eines der häufigsten Argumente gegen Gold als Geldanlage. Es stimmt: Eine Goldmünze im Tresor wirft weder Zinsen noch Dividenden ab. Ob das ein großer Nachteil ist, hängt aber davon ab, was die Alternativen bringen. Und hier kommt eine Kennzahl ins Spiel, die viele Profis für einen der wichtigsten Treiber des Goldpreises halten: der Realzins.
Dieser Artikel erklärt, was der Realzins ist, wie er berechnet wird, warum er den Goldpreis beeinflusst und warum dieser Zusammenhang in den vergangenen Jahren nicht immer funktioniert hat.
Was ist der Realzins?
Der Realzins ist der Zins, der nach Abzug der Inflation übrig bleibt. Er beschreibt, wie viel Kaufkraft Sie mit einer verzinsten Anlage tatsächlich gewinnen oder verlieren.
Realzins ≈ Nominalzins − Inflationsrate
Ein einfaches Beispiel: Ihr Tagesgeldkonto bringt 3 Prozent Zinsen pro Jahr, die Inflation liegt bei 2 Prozent. Ihr Realzins beträgt etwa 1 Prozent. Sie werden real also etwas reicher. Liegt die Inflation dagegen bei 5 Prozent, beträgt der Realzins minus 2 Prozent. Obwohl Ihr Kontostand wächst, können Sie sich am Jahresende weniger dafür kaufen.
Erwarteter und tatsächlicher Realzins
Für die Finanzmärkte ist weniger die vergangene Inflation interessant als die erwartete. Analysten betrachten deshalb häufig die Rendite inflationsgeschützter Staatsanleihen. In den USA sind das die Treasury Inflation-Protected Securities (TIPS). Ihre Rendite zeigt direkt an, welchen realen Zins Anleger für eine Laufzeit von zum Beispiel zehn Jahren erwarten. In Europa gibt es vergleichbare inflationsindexierte Anleihen, etwa von Frankreich, Italien und früher auch Deutschland.
Warum der Realzins für Gold wichtig ist
Gold konkurriert als sicherer Hafen mit anderen sicheren Anlagen, vor allem mit Staatsanleihen und Bankeinlagen. Der Realzins bestimmt, wie attraktiv diese Alternativen sind.
Opportunitätskosten
Wer Gold hält, verzichtet auf die Zinsen einer sicheren Anlage. Diese entgangenen Zinsen nennt man Opportunitätskosten. Ist der Realzins hoch, sind die Opportunitätskosten von Gold hoch: Eine sichere Anleihe bringt real einen spürbaren Ertrag, Gold nicht. Ist der Realzins niedrig oder negativ, verlieren Sparer mit Zinsanlagen real Geld. Gold, das zwar nichts abwirft, aber auch nicht durch Inflation entwertet wird, wird relativ attraktiver.
Vertrauen in Geld
Negative Realzinsen sind oft ein Zeichen dafür, dass Notenbanken die Zinsen bewusst niedrig halten, etwa um Wirtschaft oder Staatsfinanzen zu stützen. Viele Anleger sehen darin ein Risiko für den langfristigen Wert des Geldes und suchen Schutz in Sachwerten wie Gold. Wie Gold und Inflation zusammenhängen, erklärt der Ratgeber Gold und Inflation.
Die Faustregel
Daraus ergibt sich eine einfache Faustregel, die über viele Jahre gut funktionierte:
| Realzins | Wirkung auf Gold |
|---|---|
| steigt deutlich | eher belastend, Gold verliert an Attraktivität |
| fällt deutlich | eher unterstützend, Gold gewinnt an Attraktivität |
| negativ und fallend | historisch oft starke Goldphasen |
Historische Beispiele
Die 1970er-Jahre
In den 1970er-Jahren lag die Inflation in vielen Industrieländern zeitweise im zweistelligen Bereich, während die Zinsen hinterherhinkten. Die Realzinsen waren über längere Zeit negativ. Gleichzeitig stieg der Goldpreis nach dem Ende der Goldbindung des Dollars von 35 Dollar auf ein damaliges Rekordhoch von 850 Dollar im Januar 1980.
Die Volcker-Wende ab 1980
Der US-Notenbankchef Paul Volcker hob die Leitzinsen ab 1979 drastisch an, teils auf rund 20 Prozent. Die Inflation sank, die Realzinsen wurden stark positiv. Gold verlor in den folgenden Jahren einen großen Teil seines Wertes und brauchte fast drei Jahrzehnte, um das nominale Hoch von 1980 wieder zu erreichen.
Die Jahre nach der Finanzkrise
Nach der Finanzkrise 2008 senkten die Notenbanken die Zinsen auf nahe null und kauften in großem Stil Anleihen. Die Realzinsen fielen in den negativen Bereich. Gold stieg bis 2011 auf ein Rekordhoch von über 1.900 Dollar. Als die Märkte ab 2013 mit einer Normalisierung der Geldpolitik rechneten und die Realzinsen wieder stiegen, fiel Gold deutlich.
Pandemie 2020
In der Corona-Krise 2020 fielen die realen Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen auf deutlich negative Werte. Gold erreichte im August 2020 ein neues Allzeithoch von über 2.000 Dollar. Wie Gold sich in Rezessionen verhält, beschreibt der Ratgeber Goldpreis in der Rezession.
Warum der Zusammenhang seit 2022 nicht mehr so gut passt
Ab 2022 erhöhten die US-Notenbank und die Europäische Zentralbank die Zinsen so schnell wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die realen Renditen stiegen deutlich in den positiven Bereich. Nach der klassischen Faustregel hätte Gold stark fallen müssen. Tatsächlich hielt sich der Goldpreis jedoch stabil und erreichte in den Folgejahren immer neue Rekorde.
Für diese Entkopplung gibt es mehrere Erklärungen:
- Rekordkäufe der Zentralbanken: Notenbanken, insbesondere aus Schwellenländern, kauften ab 2022 in historischem Umfang Gold. Sie reagieren nicht auf Realzinsen, sondern auf geopolitische Überlegungen. Mehr dazu im Ratgeber Warum Zentralbanken massiv Gold kaufen.
- Geopolitik und Sanktionen: Das Einfrieren russischer Währungsreserven 2022 zeigte vielen Staaten, dass Dollarreserven politisch angreifbar sind. Gold in eigenen Tresoren gilt dagegen als sanktionsfest.
- Nachfrage aus Asien: Private Käufer in China und Indien kaufen Gold aus eigenen Motiven, etwa wegen schwacher Immobilien- und Aktienmärkte.
- Staatsverschuldung: Steigende Schulden in vielen Ländern lassen Anleger an der langfristigen Stabilität der Währungen zweifeln.
Das bedeutet nicht, dass der Realzins keine Rolle mehr spielt. Er ist aber nur noch einer von mehreren Faktoren. Wer den Goldpreis allein aus den Realzinsen ableiten möchte, hätte in den vergangenen Jahren falsch gelegen. Eine Übersicht über alle wichtigen Einflussfaktoren gibt der Ratgeber Warum steigt der Goldpreis.
Ein Rechenbeispiel: Gold gegen Festgeld
Um den Gedanken der Opportunitätskosten greifbar zu machen, ein vereinfachter Vergleich über ein Jahr mit 10.000 Euro und angenommenen Werten:
| Szenario | Festgeldzins | Inflation | Realzins | Kaufkraft Festgeld nach 1 Jahr |
|---|---|---|---|---|
| Niedrigzinsphase | 0,5 % | 3,0 % | −2,5 % | rund 9.750 € |
| Normalisierung | 3,0 % | 2,0 % | +1,0 % | rund 10.100 € |
| Hochzinsphase | 5,0 % | 2,5 % | +2,5 % | rund 10.250 € |
Im ersten Szenario verliert das Festgeld real an Wert. Gold muss in diesem Fall nur seinen Wert halten, um besser abzuschneiden. Im dritten Szenario bringt das Festgeld real 250 Euro. Gold muss um mehr als die Inflation steigen, damit sich das Halten gegenüber der Zinsanlage lohnt. Genau dieser Vergleich beeinflusst die Entscheidungen großer institutioneller Anleger, die zwischen Anleihen und Gold umschichten.
Das Beispiel blendet Steuern aus. In Deutschland sind Zinsen abgeltungsteuerpflichtig, Gewinne aus physischem Gold nach einem Jahr Haltedauer dagegen steuerfrei. Nach Steuern verschiebt sich der Vergleich daher für Privatanleger etwas zugunsten von Gold. Einen direkten Vergleich mit dem Tagesgeld zieht der Ratgeber Gold vs. Tagesgeld.
Realzins in der Eurozone
Für Anleger in Deutschland ist zusätzlich der Euro entscheidend. Der Goldpreis wird international in Dollar gebildet, deutsche Anleger rechnen in Euro. Bewegungen des Wechselkurses verändern den Euro-Goldpreis auch ohne Änderung des Dollarpreises. Die EZB-Zinspolitik beeinflusst den Wechselkurs und damit indirekt auch den Goldpreis in Euro. Den Zusammenhang erklärt der Ratgeber EZB-Zinsen und Goldpreis, den Währungseffekt der Artikel Goldpreis Euro vs. Dollar.
In der Eurozone waren die Realzinsen in den Jahren 2021 bis 2023 durch die hohe Inflation teils deutlich negativ. Für Sparer bedeutete das einen spürbaren Kaufkraftverlust auf Bankguthaben. Viele suchten in dieser Zeit Alternativen, darunter Gold.
Was Anleger daraus mitnehmen können
- Den Realzins im Blick behalten: Steigende Realzinsen sind ein Gegenwind für Gold, fallende ein Rückenwind. Das gilt weiterhin, nur nicht mehr so mechanisch wie früher.
- Keine Einzelfaktor-Prognosen: Wer allein auf Zinsen schaut, übersieht Zentralbanken, Geopolitik und die Nachfrage aus Asien.
- Gold als Ergänzung, nicht als Wette: Gold eignet sich als Beimischung, die gerade dann stabilisiert, wenn andere Anlagen unter Druck stehen. Eine sinnvolle Gewichtung erklärt der Ratgeber Wie viel Gold ins Portfolio.
- Opportunitätskosten bewusst machen: In Phasen hoher Realzinsen kann es sinnvoll sein, einen Teil des sicheren Vermögens in Zinsanlagen zu halten. Gold ersetzt keine Liquiditätsreserve.
Fazit
Der Realzins, also der Zins nach Abzug der Inflation, bestimmt die Opportunitätskosten von Gold. Historisch gingen fallende oder negative Realzinsen häufig mit steigenden Goldpreisen einher, steigende Realzinsen mit schwachen Goldjahren. Seit 2022 hat sich dieser Zusammenhang abgeschwächt, weil Zentralbankkäufe, Geopolitik und die Nachfrage aus Asien den Goldpreis stärker prägen. Für Anleger bleibt der Realzins ein wichtiger Indikator, aber kein alleiniges Signal. Den aktuellen Goldpreis in Euro finden Sie auf der Seite Goldpreis.




