Wenn es um den Goldpreis geht, fallen meist zwei Namen: London, wo der weltweit wichtigste Referenzpreis ermittelt wird, und New York, wo die COMEX-Futures gehandelt werden. Ein dritter Handelsplatz hat in den letzten zwei Jahrzehnten massiv an Bedeutung gewonnen: die Shanghai Gold Exchange, kurz SGE. Sie ist heute der größte Marktplatz für physisches Gold der Welt, und ihre Daten werden von Analysten weltweit verfolgt.
Dieser Artikel erklärt, was die Shanghai Gold Exchange ist, wie sie funktioniert, welche Rolle der Shanghai Gold Benchmark spielt, was die sogenannte Shanghai-Prämie aussagt und warum Entwicklungen in Shanghai auch für Anleger in Deutschland relevant sind.
Was die Shanghai Gold Exchange ist
Die SGE wurde 2002 mit Genehmigung der chinesischen Zentralbank gegründet. Bis dahin war der Goldhandel in China staatlich kontrolliert, Privatpersonen durften Gold nur eingeschränkt kaufen. Mit der Gründung der SGE öffnete China seinen Goldmarkt schrittweise. Seitdem ist die Nachfrage nach Gold in China stark gewachsen, und die SGE hat sich zum zentralen Umschlagplatz für das Land entwickelt.
Die Börse steht unter der Aufsicht der People's Bank of China. Mitglieder sind Banken, Raffinerien, Schmuckhersteller, Händler und Investmenthäuser. Privatanleger handeln meist über Banken, die Mitglied der Börse sind.
Ein Markt für physisches Gold
Ein wesentlicher Unterschied zu London und New York: An der SGE steht der physische Handel im Vordergrund. Viele Kontrakte werden tatsächlich durch die Lieferung von Barren erfüllt. Die Börse betreibt eigene Tresore in mehreren chinesischen Städten. Gold, das an der SGE gekauft und abgeholt wird, wird häufig zu Schmuck oder Barren für den chinesischen Markt weiterverarbeitet.
| Merkmal | London (LBMA) | New York (COMEX) | Shanghai (SGE) |
|---|---|---|---|
| Art des Handels | außerbörslich, Großhandel | Futures-Börse | Börse mit Schwerpunkt physische Lieferung |
| Währung | US-Dollar | US-Dollar | chinesischer Yuan (Renminbi) |
| Typische Barren | Good-Delivery-Barren um 400 oz | 100-oz- und Kilobarren | Kilobarren, 99,99 % Feingehalt |
| Referenzpreis | LBMA Gold Price | Futurepreis | Shanghai Gold Benchmark |
| Rolle | weltweiter Referenzmarkt | Preisfindung, Spekulation | größter physischer Absatzmarkt |
Mehr zum Londoner Markt und zum Good-Delivery-Standard im Ratgeber LBMA Good Delivery, mehr zu den New Yorker Futures im Artikel Gold-Futures erklärt.
Der Shanghai Gold Benchmark
Seit April 2016 ermittelt die SGE zweimal täglich einen eigenen Referenzpreis für Gold, den Shanghai Gold Benchmark. Anders als der LBMA-Preis wird er in Yuan pro Gramm angegeben, bezogen auf Kilobarren mit 99,99 Prozent Feingehalt. Die Einführung war ein Signal: China wollte nicht länger ausschließlich Dollarpreise aus London übernehmen, sondern eine eigene Preisbildung im eigenen Markt etablieren.
Der Benchmark wird über ein Auktionsverfahren unter Beteiligung von Mitgliedsbanken ermittelt, ähnlich wie in London. Er dient vor allem chinesischen Marktteilnehmern als Referenz für Verträge, Schmuckpreise und Finanzprodukte.
Die Shanghai-Prämie: ein Gradmesser der chinesischen Nachfrage
Weil China den Import und Export von Gold kontrolliert, können sich die Preise in Shanghai und London zeitweise unterscheiden. Die Differenz zwischen dem Goldpreis in Shanghai, umgerechnet in Dollar, und dem Londoner Preis nennt man Shanghai-Prämie.
- Hohe Prämie: Gold ist in China teurer als im Ausland. Das deutet auf eine starke inländische Nachfrage hin, die durch Importe nicht schnell genug gedeckt werden kann.
- Niedrige Prämie oder Abschlag: Gold ist in China günstiger. Das deutet auf eine schwache Nachfrage oder ein reichliches Angebot hin.
Analysten verfolgen die Shanghai-Prämie aufmerksam, weil sie Hinweise auf die Stärke der chinesischen Nachfrage gibt. Phasen mit hohen Prämien gingen in der Vergangenheit oft mit steigenden Importen einher. Weil Importe Lizenzen der chinesischen Zentralbank erfordern, kann die Prämie auch auf politische Steuerung reagieren.
Wie Gold nach China kommt
China ist der größte Goldproduzent der Welt, deckt seinen Bedarf aber nicht aus eigener Förderung. Ein großer Teil des Bedarfs wird importiert, unter anderem über Hongkong und direkt über das Festland. Nur bestimmte Banken haben Importlizenzen. Exporte von Gold aus China sind stark eingeschränkt. Das bedeutet: Gold, das einmal in China angekommen ist, verlässt das Land in der Regel nicht mehr. Für den Weltmarkt wirkt China damit wie ein großer Abfluss physischen Goldes.
Mehr zur Rolle der chinesischen Zentralbank im Ratgeber Chinas Goldreserven auf Rekordhoch.
Internationaler Zugang: das International Board
Seit 2014 gibt es an der SGE ein International Board in der Freihandelszone Shanghai. Über dieses Segment können ausländische Banken und Händler am Goldhandel teilnehmen. Auch Lagerstätten außerhalb Chinas, etwa in Hongkong, wurden in das System eingebunden. Ziel ist es, den Yuan im internationalen Goldhandel stärker zu etablieren. Bislang bleibt der Dollar aber die dominierende Währung im weltweiten Goldmarkt.
Warum Shanghai für den Goldpreis wichtig ist
Für Anleger in Europa ist die SGE aus mehreren Gründen relevant:
- Nachfrageindikator: Abhebungen aus den SGE-Tresoren gelten als Annäherung an die chinesische Großhandelsnachfrage. Hohe Abhebungen deuten auf starke Käufe hin.
- Preisunterstützung: Starke chinesische Nachfrage kann den Goldpreis stützen, gerade in Phasen, in denen westliche Investoren verkaufen.
- Zeitzonen: Der Handel in Shanghai findet zu Zeiten statt, in denen Europa schläft. Bewegungen des Goldpreises in der asiatischen Handelszeit werden häufig von chinesischen Käufern geprägt.
- Verlagerung der Preissetzung: Mit dem Shanghai Gold Benchmark gibt es einen zweiten Referenzpunkt außerhalb des westlichen Finanzsystems. Langfristig könnte das die Preisbildung vielfältiger machen.
- Geopolitische Signale: Chinas Bemühungen, Gold stärker im eigenen Finanzsystem zu verankern, stehen im Zusammenhang mit dem Wunsch, die Abhängigkeit vom Dollar zu verringern.
Chinesische Privatanleger und der Goldmarkt
Hinter den Zahlen der SGE stehen Millionen chinesischer Käufer. Gold hat in China eine lange kulturelle Tradition als Glückssymbol und Vermögensspeicher, etwa als Geschenk zur Hochzeit oder zum chinesischen Neujahrsfest. In den letzten Jahren kamen neue Motive hinzu: Schwächen am Immobilienmarkt, niedrige Zinsen auf Bankeinlagen und volatile Aktienmärkte haben viele Haushalte dazu bewegt, einen größeren Teil ihrer Ersparnisse in Gold anzulegen. Besonders jüngere Käufer erwerben zunehmend kleine Barren und sogenannte Goldbohnen, winzige Goldstücke von einem Gramm, die als moderne Form des Goldsparens beliebt geworden sind.
Diese private Nachfrage fließt über Banken, Juweliere und Händler letztlich über die SGE. Wenn chinesische Haushalte verstärkt kaufen, steigen die Abhebungen aus den Tresoren und die Shanghai-Prämie. Umgekehrt dämpfen staatliche Maßnahmen, etwa Beschränkungen von Importquoten oder Änderungen der Mehrwertsteuerregeln für Gold, die Nachfrage kurzfristig.
Shanghai Futures Exchange und andere chinesische Märkte
Neben der SGE gibt es in China weitere wichtige Handelsplätze für Gold. Die Shanghai Futures Exchange (SHFE) bietet Gold-Futures in Yuan an, die vor allem von spekulativen Marktteilnehmern genutzt werden. In Phasen starker Spekulation können die Umsätze an der SHFE stark ansteigen und kurzfristig auch die Preisbewegungen im Westen beeinflussen. Zusammen bilden SGE und SHFE ein eigenes chinesisches Goldmarktsystem, das eng mit den internationalen Märkten verbunden ist, aber eigenen Regeln folgt.
Kritische Punkte
Die SGE ist ein großer, aber kein völlig transparenter Markt. Daten zu Abhebungen, Importen und Zentralbankkäufen werden nicht immer vollständig oder zeitnah veröffentlicht. Die Regulierung kann sich kurzfristig ändern, etwa durch Vorgaben zu Importquoten. Zudem unterscheiden sich die Qualitätsstandards: Die SGE verlangt für ihre Standardbarren 99,99 Prozent Feingehalt, während Good-Delivery-Barren in London mindestens 99,5 Prozent haben müssen. Barren aus London müssen deshalb häufig umgeschmolzen werden, bevor sie in Shanghai gehandelt werden können.
Was Anleger daraus ableiten können
Für Privatanleger ist die SGE kein Ort, an dem sie selbst handeln. Ihre Daten können aber helfen, das Marktgeschehen besser einzuordnen. Starke chinesische Nachfrage, hohe Shanghai-Prämien und steigende Zentralbankkäufe sind Faktoren, die einen hohen Goldpreis stützen. Umgekehrt kann eine Abkühlung der chinesischen Nachfrage ein Gegenwind sein. Einen Überblick über alle Einflussfaktoren gibt der Ratgeber Warum steigt der Goldpreis, die Rolle des zweiten großen asiatischen Marktes beschreibt der Ratgeber Goldnachfrage in Indien.
Fazit
Die Shanghai Gold Exchange ist der größte Marktplatz für physisches Gold der Welt und das Tor für Gold nach China. Seit 2016 gibt es dort mit dem Shanghai Gold Benchmark einen eigenen Goldpreis in Yuan. Die Shanghai-Prämie zeigt, wie stark die chinesische Nachfrage im Verhältnis zum Weltmarkt ist, und die Abhebungen aus den Tresoren gelten als wichtiger Nachfrageindikator. Für Anleger in Europa lohnt sich der Blick nach Shanghai, um zu verstehen, woher die Unterstützung für den Goldpreis kommt. Den aktuellen Goldpreis in Euro finden Sie auf der Seite Goldpreis.




