In den USA gibt es eine besondere Form von Silberanlage, die in Deutschland weniger bekannt ist: „Junk Silver“. Gemeint sind alte amerikanische Umlaufmünzen, die bis 1964 zu 90 Prozent aus Silber geprägt wurden. Der Name klingt abwertend, ist aber nicht so gemeint. „Junk“ bedeutet hier nur, dass die Münzen keinen nennenswerten Sammlerwert haben und deshalb nach ihrem Silbergehalt gehandelt werden.
Dieser Ratgeber erklärt, welche Münzen zum Junk Silver gehören, wie viel Silber sie enthalten, wie man ihren Wert berechnet und ob sie für Anleger in Deutschland eine sinnvolle Alternative zu Silberbarren und Anlagemünzen sind.
Die Geschichte: Warum die USA 1965 das Silber abschafften
Bis 1964 bestanden amerikanische Dimes (10 Cent), Quarters (25 Cent) und Half Dollars (50 Cent) zu 90 Prozent aus Silber und zu 10 Prozent aus Kupfer. Anfang der 1960er Jahre stieg der Silberpreis so weit, dass der Metallwert der Münzen sich ihrem Nennwert näherte. Menschen begannen, Silbermünzen zu horten, und es drohte ein Münzmangel.
Mit dem Coinage Act von 1965 stellten die USA Dimes und Quarters auf eine Kupfer-Nickel-Plattierung um. Der Half Dollar wurde von 1965 bis 1970 noch mit 40 Prozent Silber geprägt, danach ebenfalls ohne Silber. Die alten Silbermünzen verschwanden in den folgenden Jahren aus dem Umlauf, weil sie gesammelt und gehortet wurden. Heute werden sie in den USA in Beuteln, Rollen und nach Nennwert gehandelt.
Welche Münzen gehören dazu?
90-Prozent-Silbermünzen (bis 1964)
| Münze | Nennwert | Typische Motive | Raugewicht | Feinsilber |
|---|---|---|---|---|
| Dime | 10 Cent | Mercury (bis 1945), Roosevelt (ab 1946) | 2,50 g | 2,25 g |
| Quarter | 25 Cent | Washington (ab 1932) | 6,25 g | 5,63 g |
| Half Dollar | 50 Cent | Walking Liberty, Franklin, Kennedy 1964 | 12,50 g | 11,25 g |
40-Prozent-Silbermünzen
Kennedy Half Dollars von 1965 bis 1970 enthalten 40 Prozent Silber, rund 4,6 Gramm Feinsilber pro Münze. Sie werden meist getrennt gehandelt, weil ihr Silbergehalt deutlich geringer ist.
Kriegs-Nickel (1942–1945)
Während des Zweiten Weltkriegs wurde Nickel für die Rüstung benötigt. Die 5-Cent-Münzen bestanden in dieser Zeit aus 35 Prozent Silber, 56 Prozent Kupfer und 9 Prozent Mangan. Sie enthalten rund 1,75 Gramm Feinsilber und sind an einem großen Münzzeichen über der Kuppel des Gebäudes auf der Rückseite zu erkennen.
Morgan- und Peace-Dollar
Die großen Silberdollars, der Morgan Dollar (1878–1904, 1921) und der Peace Dollar (1921–1935), enthalten rund 24,06 Gramm Feinsilber bei 26,73 Gramm Raugewicht und 900er Feinheit. Sie haben aber häufig einen Sammlerwert über dem Silbergehalt und zählen deshalb streng genommen nicht zum Junk Silver.
Silbergehalt pro Dollar Nennwert
In den USA wird Junk Silver üblicherweise nach Nennwert gehandelt, etwa „ein Beutel mit 100 Dollar Nennwert“. Weil sich bei 90-Prozent-Münzen der Silbergehalt proportional zum Nennwert verhält, enthält jeder Dollar Nennwert dieselbe Silbermenge, egal ob in Dimes, Quarters oder Half Dollars.
| Nennwert | Feinsilber (neu geprägt) | Faustregel im Handel (mit Abnutzung) |
|---|---|---|
| 1 Dollar | 0,7234 Unzen, rund 22,5 g | rund 0,715 Unzen |
| 10 Dollar | 7,234 Unzen | rund 7,15 Unzen |
| 100 Dollar | 72,34 Unzen | rund 71,5 Unzen |
| 1.000 Dollar | 723,4 Unzen | rund 715 Unzen |
Der Abschlag für Abnutzung berücksichtigt, dass die Münzen jahrzehntelang im Umlauf waren und dabei etwas Metall verloren haben.
Den Wert berechnen
Rechenbeispiel mit einem angenommenen Silberpreis von 1 Euro je Gramm Feinsilber:
| Münzen | Feinsilber | Silberwert (angenommen) |
|---|---|---|
| 1 Dime | 2,25 g | 2,25 € |
| 1 Quarter | 5,63 g | 5,63 € |
| 1 Half Dollar | 11,25 g | 11,25 € |
| 10 Dollar Nennwert (90 %) | rund 222 g | rund 222 € |
| 1 Kennedy Half 1965–1970 | rund 4,6 g | rund 4,60 € |
Den aktuellen Silberpreis finden Sie auf der Seite Silberpreis.
Vorteile von Junk Silver
- Kleine Stückelung: Ein Dime enthält nur gut 2 Gramm Silber. Damit lassen sich kleine Werte abbilden, was in Krisenszenarien als Vorteil gilt.
- Bekanntheit in den USA: Die Münzen sind dort weit verbreitet und leicht zu erkennen.
- Fälschungen selten: Weil der Wert pro Münze gering ist, lohnt sich das Fälschen kaum.
- Gesetzliches Zahlungsmittel: Formal sind die Münzen weiterhin gesetzliches Zahlungsmittel in den USA, wenn auch nur zum Nennwert.
- Geschichte: Die Münzen haben einen historischen Reiz, den moderne Barren nicht bieten.
Nachteile für Anleger in Deutschland
So beliebt Junk Silver in den USA ist, für deutsche Anleger gibt es einige Hürden:
Umsatzsteuer
Silbermünzen unterliegen in Deutschland der Umsatzsteuer. Für Münzen, die als Sammlungsstücke gelten, kann unter bestimmten Voraussetzungen der ermäßigte Satz oder die Differenzbesteuerung angewendet werden. Wie die Steuer berechnet wird, hängt vom Händler und von der Herkunft der Ware ab. Der Mehrwertsteueranteil schmälert die Rendite gegenüber Gold, das als Anlagegold steuerfrei ist.
Geringe Verfügbarkeit
Deutsche Edelmetallhändler führen Junk Silver selten. Wer es aus den USA importiert, muss mit Versandkosten, Zoll und Einfuhrumsatzsteuer rechnen. Bei kleinen Mengen lohnt sich das kaum.
Hohe Aufschläge
Durch die geringe Verfügbarkeit in Europa werden Junk-Silver-Münzen in Deutschland oft mit deutlichen Aufschlägen auf den Silberwert angeboten.
Wiederverkauf
Viele deutsche Händler kaufen US-Umlaufmünzen nur zum Silberwert abzüglich einer Marge zurück, manche gar nicht. Der Verkauf ist schwieriger als bei bekannten Anlagemünzen wie Maple Leaf oder Philharmoniker.
Die deutsche Alternative: alte Silbermünzen aus Deutschland
Auch in Deutschland gibt es historische Umlaufmünzen mit Silbergehalt, die nach Gewicht gehandelt werden können:
| Münze | Zeitraum | Feinheit | Feinsilber |
|---|---|---|---|
| 5 Deutsche Mark (Kursmünze, Silberadler) | 1951–1974 | 625 | 7,0 g |
| 5 DM Gedenkmünzen | 1952–1979 | 625 | 7,0 g |
| 10 DM Gedenkmünzen | 1972–1997 | 625 | 9,7 g bzw. 10 g |
| Reichsmark-Silbermünzen | 1925–1939 | 500 oder 625 | je nach Typ |
| Silbermünzen des Kaiserreichs | 1873–1919 | 900 | je nach Nennwert |
Mehr zu den Münzen des Kaiserreichs im Ratgeber Silbermünzen des Kaiserreichs. Auch die Schweiz hatte bis 1967 Umlaufmünzen mit 835er Silber, beschrieben im Ratgeber Schweizer Silbermünzen.
Für Anleger in Deutschland sind diese Münzen oft leichter zu kaufen und zu verkaufen als amerikanisches Junk Silver.
Echtheit und Erkennung
90-Prozent-Silbermünzen lassen sich an mehreren Merkmalen erkennen:
- Jahreszahl: Dimes, Quarters und Halves bis einschließlich 1964.
- Rand: Bei Silbermünzen ist der Rand einheitlich silbern. Bei späteren Kupfer-Nickel-Münzen ist ein Kupferstreifen am Rand sichtbar.
- Klang: Silbermünzen klingen beim Fallenlassen auf eine harte Fläche heller als Kupfer-Nickel-Münzen.
- Gewicht: Ein Silber-Quarter wiegt 6,25 Gramm, ein Kupfer-Nickel-Quarter 5,67 Gramm.
Grundlegende Prüfmethoden für Silber erklärt auch der Ratgeber Versilbert oder echtes Silber.
Sammlerwerte innerhalb des Junk Silver
Nicht jede alte US-Silbermünze ist automatisch nur „Junk“. Einige Jahrgänge und Prägestätten sind selten und erzielen deutlich höhere Preise. Die Prägestätte ist an einem kleinen Buchstaben zu erkennen: P für Philadelphia (bei älteren Münzen oft ohne Buchstabe), D für Denver, S für San Francisco und O für New Orleans bei älteren Stücken. Bekannte Beispiele für gesuchte Münzen sind:
- Mercury Dime von 1916 aus Denver (1916-D) mit sehr geringer Auflage,
- Washington Quarter von 1932 aus Denver und San Francisco (1932-D, 1932-S),
- Walking Liberty Half Dollars in hervorragender Erhaltung aus frühen Jahrgängen,
- Morgan Dollars bestimmter Jahrgänge und Prägestätten, etwa aus Carson City (CC).
Wer einen Beutel alter US-Münzen erbt oder kauft, sollte deshalb vor dem Verkauf nach Gewicht einen Blick auf Jahreszahlen und Münzzeichen werfen. Das Prinzip, wann eine Münze mehr als ihr Metall wert ist, erklärt der Ratgeber Sammlerwert oder Goldwert.
Zum Vergleich: Kanada und Großbritannien
Auch andere Länder prägten bis in die 1960er Jahre Umlaufmünzen aus Silber. Kanada verwendete bis 1966 Silber mit 800 Promille, 1967 und teilweise 1968 noch geringere Anteile. Großbritannien prägte bis 1919 Münzen aus Sterlingsilber mit 925 Promille und bis 1946 aus 500er Silber. Solche Münzen werden ebenfalls nach Silbergehalt gehandelt, spielen auf dem deutschen Markt aber eine noch kleinere Rolle als das amerikanische Junk Silver.
Für wen eignet sich Junk Silver?
- Sammler mit Interesse an US-Münzen: Die verschiedenen Motive und Jahrgänge bieten ein spannendes Sammelgebiet zu geringen Kosten.
- Krisenvorsorge mit kleinen Einheiten: Wer Wert auf sehr kleine Stückelungen legt, findet hier eine Alternative zu 1-Unze-Münzen.
- Anleger in den USA oder mit Bezug dorthin: Für sie ist Junk Silver eine etablierte und liquide Form der Silberanlage.
Für die meisten Anleger in Deutschland sind gängige Anlagemünzen oder Barren die praktischere Wahl. Einen Überblick gibt der Ratgeber Silber oder Gold.
Fazit
Junk Silver bezeichnet amerikanische Umlaufmünzen bis 1964 mit 90 Prozent Silber, ergänzt durch 40-Prozent-Kennedy-Halves und Kriegs-Nickel mit 35 Prozent Silber. Jeder Dollar Nennwert in 90-Prozent-Münzen enthält rund 0,715 Unzen Feinsilber. In den USA sind die Münzen eine beliebte, liquide und fälschungsarme Form der Silberanlage mit kleiner Stückelung. Für Anleger in Deutschland sprechen Umsatzsteuer, geringe Verfügbarkeit, hohe Aufschläge und ein schwierigerer Wiederverkauf eher gegen den gezielten Kauf. Wer alte Silbermünzen mag, findet mit deutschen 5-DM-Silberadlern oder Münzen des Kaiserreichs eine leichter handelbare Alternative.




