Wer altes Silberbesteck, Kerzenleuchter oder Teekannen aus Großbritannien besitzt, findet darauf oft eine Reihe winziger Stempel nebeneinander. Diese Hallmarks gehören zu den ältesten und genauesten Kennzeichnungssystemen für Edelmetalle der Welt. Wer sie lesen kann, erfährt, wie hoch der Silbergehalt ist, wo das Stück geprüft wurde, in welchem Jahr das geschah und wer es hergestellt hat.

Dieser Ratgeber erklärt die wichtigsten britischen Silberpunzen, zeigt, wie Sie Sterlingsilber von versilberter Ware unterscheiden, und gibt Hinweise, was das für den Wert bedeutet.

Ein System mit über 700 Jahren Geschichte

Die Kennzeichnung von Silber in England geht auf ein Gesetz aus dem Jahr 1300 zurück, das vorschrieb, dass Silber einen bestimmten Mindestgehalt haben und mit einem Zeichen versehen werden musste. Die Prüfung erfolgte in der Halle der Goldschmiedezunft in London, der Goldsmiths' Hall. Daher stammt der Begriff „Hallmark“, wörtlich „Hallenzeichen“.

Im Laufe der Jahrhunderte kamen weitere Prüfämter hinzu, und das System wurde verfeinert. Heute regelt der Hallmarking Act von 1973 die Kennzeichnung im Vereinigten Königreich. Wer Gegenstände aus Edelmetall als Silber, Gold oder Platin verkaufen will, muss sie oberhalb bestimmter Gewichtsgrenzen von einem unabhängigen Prüfamt prüfen und stempeln lassen.

Die vier Grundmarken

Ein klassischer britischer Hallmark besteht aus mehreren einzelnen Stempeln:

Marke Bedeutung
Herstellerzeichen (Sponsor's Mark) Initialen des Silberschmieds oder Unternehmens, meist in einem Schild
Feingehaltszeichen (Standard Mark) zeigt den Silbergehalt an, etwa den schreitenden Löwen für Sterling
Prüfamtszeichen (Assay Office Mark) zeigt, in welcher Stadt das Stück geprüft wurde
Jahresbuchstabe (Date Letter) ein Buchstabe, der das Jahr der Prüfung angibt

Bei älteren Stücken kann zusätzlich eine Steuermarke vorkommen.

Das Feingehaltszeichen

Sterling: der schreitende Löwe

Das bekannteste britische Silberzeichen ist der schreitende Löwe, auf Englisch „Lion passant“. Er steht für Sterlingsilber mit einem Feingehalt von 925 Promille und wird seit dem 16. Jahrhundert in England verwendet. In Schottland wurde lange ein anderes Zeichen für Sterling genutzt, etwa die Distel in Edinburgh und der steigende Löwe in Glasgow.

Seit 1999 wird bei modernen Stücken häufig zusätzlich oder stattdessen die Zahl 925 in einer bestimmten Umrandung gestempelt.

Britannia: 958er Silber

Zwischen 1697 und 1720 war in England ein höherer Silberstandard vorgeschrieben, der Britannia-Standard mit 958 Promille. Das Zeichen dafür ist eine sitzende Britannia-Figur, kombiniert mit einem Löwenkopf. Britannia-Silber wird bis heute gelegentlich verwendet, ist aber deutlich seltener als Sterling.

Die Prüfamtszeichen

Prüfamt Zeichen Status
London Leopardenkopf aktiv
Birmingham Anker aktiv
Sheffield Krone, seit 1975 eine Rose aktiv
Edinburgh Burg mit drei Türmen aktiv
Glasgow Baum, Fisch, Glocke und Vogel 1964 geschlossen
Chester Wappen mit Weizengarben und Schwert 1962 geschlossen
Exeter Burg 1883 geschlossen
Newcastle drei Burgen 1884 geschlossen
York Wappen mit Kreuz und Löwen 1856 geschlossen
Dublin (Irland) Harfe mit Krone, dazu Hibernia heute irisches Prüfamt

Das Prüfamtszeichen ist besonders wertvoll für die Datierung, weil jedes Prüfamt eigene Jahresbuchstaben verwendet. Stücke aus geschlossenen Prüfämtern wie Chester, Exeter oder Newcastle sind bei Sammlern teils besonders gesucht.

Der Jahresbuchstabe

Der Jahresbuchstabe gibt an, in welchem Jahr ein Stück geprüft wurde. Jedes Prüfamt verwendete eigene Buchstabenzyklen. Ein Zyklus umfasste meist 20 bis 26 Buchstaben, danach begann ein neuer Zyklus mit anderer Schriftart, Groß- oder Kleinschreibung oder anderer Schildform.

Um ein Stück genau zu datieren, muss man deshalb drei Dinge kennen:

  1. das Prüfamt,
  2. den Buchstaben,
  3. die Schriftart und die Form des umgebenden Schilds.

Mit diesen Angaben lässt sich das Jahr in einer Tabelle nachschlagen. Solche Tabellen sind in Fachbüchern und zahlreichen Online-Verzeichnissen verfügbar. Seit 1999 ist der Jahresbuchstabe im Vereinigten Königreich freiwillig, wird aber weiterhin häufig verwendet.

Die Steuermarke

Von 1784 bis 1890 wurde in Großbritannien eine Steuer auf Silber und Gold erhoben. Als Nachweis der gezahlten Steuer wurde ein Stempel mit dem Kopf des regierenden Monarchen angebracht, etwa von Georg III., Georg IV., Wilhelm IV. oder Königin Victoria. Diese Steuermarke hilft zusätzlich bei der Datierung von Stücken aus dieser Zeit.

Sonderzeichen

Gelegentlich finden sich besondere Gedenkmarken, etwa zu Thronjubiläen oder Krönungen, sowie Importzeichen für Silber, das aus dem Ausland eingeführt und in Großbritannien geprüft wurde. Seit dem Beitritt zur Wiener Übereinkunft über die Prüfung von Edelmetallgegenständen werden zudem internationale Konventionszeichen akzeptiert.

Echtes Silber oder versilbert?

Neben Sterlingsilber gibt es in Großbritannien eine lange Tradition versilberter Ware. Diese Stücke tragen keine offiziellen Hallmarks, sondern oft Herstellerzeichen und Abkürzungen, die mit echten Punzen verwechselt werden können.

Kennzeichnung Bedeutung
EPNS Electro Plated Nickel Silver, versilbertes Neusilber
EP, EPBM Electro Plated, Electro Plated Britannia Metal
A1, A, B Qualitätsangaben für die Dicke der Versilberung
Sheffield Plate Kupfer mit aufgewalzter Silberschicht, 18. und 19. Jahrhundert
Nickel Silver, German Silver Neusilber, eine Legierung ohne Silber

Hersteller versilberter Ware verwendeten teils Zeichen, die echten Hallmarks ähneln, etwa kleine Symbole in Schilden. Fehlt das Feingehaltszeichen eines Prüfamts, also etwa der Löwe, und findet sich stattdessen EPNS oder Ähnliches, handelt es sich um versilberte Ware. Ihr Materialwert ist gering. Wie man versilberte Gegenstände allgemein erkennt, beschreibt der Ratgeber Versilbert oder echtes Silber.

Was die Hallmarks für den Wert bedeuten

Der Materialwert eines Silberstücks hängt vom Gewicht und vom Feingehalt ab. Bei Sterling sind das 92,5 Prozent. Ein Rechenbeispiel mit einem angenommenen Silberpreis von 1 Euro je Gramm: Eine Teekanne aus Sterlingsilber mit 600 Gramm enthält 555 Gramm Feinsilber und hat einen Materialwert von 555 Euro. Wie Sie Hohlware bewerten, bei der Griffe und Füße manchmal aus anderen Materialien bestehen, erklärt der Ratgeber Silberne Tafelgeräte bewerten.

Darüber hinaus können Hallmarks den Sammlerwert erheblich beeinflussen:

  • Bekannte Silberschmiede: Stücke von berühmten Silberschmieden des 18. und 19. Jahrhunderts erzielen oft ein Vielfaches des Materialwerts.
  • Alter: Georgianisches Silber aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert ist bei Sammlern besonders beliebt.
  • Seltene Prüfämter: Stücke aus geschlossenen Prüfämtern wie Chester, Exeter, Newcastle oder York sind gesucht.
  • Zustand: Gut lesbare, nicht abgeriebene Hallmarks und unbeschädigte Stücke sind mehr wert.

Wer hochwertiges englisches Silber besitzt, sollte es deshalb nicht nur nach Gewicht verkaufen, sondern zuvor von einem Fachhändler oder Auktionshaus einschätzen lassen. Hinweise zur Bewertung von Leuchtern gibt der Ratgeber Silberleuchter verkaufen.

Ein Beispiel: so lesen Sie eine Punzenreihe

Angenommen, auf der Rückseite eines Löffels finden Sie folgende Zeichen nebeneinander: die Initialen „GA“ in einem Rechteck, einen schreitenden Löwen, einen Anker und einen kleinen Buchstaben in einem Schild mit abgerundeten Ecken.

Die Initialen sind das Herstellerzeichen. Mit einem Verzeichnis britischer Silberschmiede lässt sich ermitteln, welcher Betrieb diese Initialen in welchem Zeitraum verwendet hat. Der schreitende Löwe zeigt, dass es sich um Sterlingsilber mit 925 Promille handelt. Der Anker verrät das Prüfamt Birmingham. Der Buchstabe in seinem charakteristischen Schild ergibt zusammen mit dem Prüfamt das Jahr der Prüfung, das sich in einer Datierungstabelle für Birmingham nachschlagen lässt.

Findet sich zusätzlich ein kleiner Kopf eines Monarchen im Profil, stammt das Stück aus der Zeit zwischen 1784 und 1890, als die Silbersteuer erhoben wurde. Fehlt dagegen der Löwe, und stehen dort Buchstaben wie EPNS, ist der Löffel lediglich versilbert.

Silberbesteck aus Großbritannien

Britisches Silberbesteck ist auf deutschen Flohmärkten und in Nachlässen häufig anzutreffen, oft in Form von Löffeln, Zuckerzangen oder Servierbesteck. Viele dieser Stücke sind Sterling und haben einen Materialwert, der bei Löffeln mit 30 bis 80 Gramm Gewicht jeweils nur einige Dutzend Euro beträgt. Besonders gesuchte Muster, frühe Datierungen oder bekannte Hersteller können den Wert deutlich steigern. Die Hallmarks helfen, solche Stücke zu erkennen.

Fälschungen

Auch Hallmarks wurden gefälscht, etwa indem echte Marken aus kleinen, wertlosen Stücken herausgeschnitten und in größere Stücke eingesetzt wurden. Solche Manipulationen sind strafbar und schwer zu erkennen. Bei wertvollen Stücken lohnt sich die Begutachtung durch einen Fachmann, der auf Unregelmäßigkeiten in der Oberfläche, Lötnähte um die Marken und Abweichungen in Stil und Machart achtet.

Fazit

Britische Hallmarks bestehen aus Herstellerzeichen, Feingehaltszeichen, Prüfamtszeichen und Jahresbuchstaben, bei älteren Stücken zusätzlich aus einer Steuermarke. Der schreitende Löwe steht für Sterlingsilber mit 925 Promille, die Britannia-Figur für 958er Silber. Leopardenkopf, Anker, Krone oder Rose und Burg verraten das Prüfamt in London, Birmingham, Sheffield oder Edinburgh. Mit Prüfamt, Buchstabe und Schildform lässt sich das Jahr der Prüfung genau bestimmen. Kennzeichnungen wie EPNS weisen dagegen auf versilberte Ware ohne nennenswerten Silberwert hin. Den aktuellen Silberpreis finden Sie auf der Seite Silberpreis.