In Foren und sozialen Medien ist der Vorwurf schnell erhoben: Der Silberpreis werde von Großbanken künstlich niedrig gehalten. Tatsächlich gab es in der Geschichte des Silbermarkts mehrere nachgewiesene Fälle von Manipulation. Gleichzeitig kursieren viele Behauptungen, für die es keine belastbaren Belege gibt. Für Anleger ist es wichtig, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Dieser Ratgeber fasst zusammen, welche Manipulationen im Silbermarkt belegt sind, wie der Silver Squeeze 2021 ablief und welche praktischen Konsequenzen sich für Anleger ergeben. Einen ähnlichen Überblick für Gold gibt der Artikel Goldpreis-Manipulation: Gibt es Beweise?.

Warum gerade Silber?

Der Silbermarkt ist im Vergleich zum Goldmarkt klein. Der Wert der jährlichen Silberproduktion beträgt nur einen Bruchteil des Werts der Goldproduktion. Gleichzeitig wird Silber an Terminbörsen in großen Mengen gehandelt, oft ein Vielfaches der tatsächlich vorhandenen physischen Bestände. In einem kleinen, stark von Terminkontrakten geprägten Markt können große Marktteilnehmer den Preis kurzfristig stärker beeinflussen als in einem großen Markt.

Hinzu kommt, dass Silber stärker schwankt als Gold. Starke Kursbewegungen ohne erkennbare Nachrichten befeuern den Verdacht, dass jemand nachgeholfen hat.

Belegter Fall 1: Die Hunt-Brüder (1979–1980)

Der bekannteste Fall ist die Spekulation der texanischen Brüder Nelson Bunker Hunt und William Herbert Hunt. Sie kauften Ende der 1970er Jahre gewaltige Mengen physisches Silber und Terminkontrakte. Der Silberpreis stieg von rund 6 Dollar Anfang 1979 auf fast 50 Dollar im Januar 1980. Die Börse COMEX reagierte mit Handelsbeschränkungen, die Notenbank verschärfte die Kreditvergabe, und der Preis brach im März 1980 ein. Später verurteilte ein Geschworenengericht die Brüder wegen Marktmanipulation. Die ganze Geschichte erzählt der Ratgeber Hunt-Brüder und die Silberkrise 1980.

Bemerkenswert ist, dass diese Manipulation den Preis nach oben trieb, nicht nach unten.

Belegter Fall 2: Das Londoner Silberfixing

Bis 2014 wurde der Referenzpreis für Silber in London täglich durch ein Verfahren zwischen wenigen Banken festgelegt, das Silberfixing. Kritiker bemängelten seit Langem die fehlende Transparenz. In den USA wurden Sammelklagen eingereicht, die den beteiligten Banken vorwarfen, das Fixing zu ihren Gunsten beeinflusst zu haben. Die Deutsche Bank einigte sich 2016 in einem Vergleich auf eine Zahlung von 38 Millionen Dollar und sagte zu, bei der Aufklärung zu helfen. Andere Banken bestritten die Vorwürfe.

Im August 2014 wurde das alte Fixing durch den LBMA Silver Price ersetzt, der über eine elektronische Auktion mit unabhängiger Aufsicht ermittelt wird. Das sollte die Transparenz erhöhen.

Belegter Fall 3: Spoofing bei JPMorgan

Der bislang folgenreichste Fall betrifft das sogenannte Spoofing. Dabei platziert ein Händler große Kauf- oder Verkaufsaufträge, die er gar nicht ausführen will, um andere Marktteilnehmer zu täuschen und den Preis in eine gewünschte Richtung zu bewegen. Kurz bevor die Aufträge ausgeführt würden, storniert er sie und handelt selbst zu dem verzerrten Preis.

Im September 2020 einigte sich die US-Großbank JPMorgan mit den US-Behörden auf Zahlungen von insgesamt rund 920 Millionen Dollar. Gegenstand waren Spoofing-Praktiken bei Edelmetall-Futures und US-Staatsanleihen-Futures über mehrere Jahre, etwa zwischen 2008 und 2016. Es war die bis dahin höchste Strafe in einem Spoofing-Fall.

2022 wurden zudem zwei ehemalige Edelmetallhändler der Bank von einem US-Geschworenengericht unter anderem wegen Betrugs und Spoofing verurteilt. Auch Händler anderer Banken wurden in den Jahren davor wegen Spoofing bei Edelmetall-Futures belangt.

Was Spoofing bewirkt und was nicht

Spoofing verzerrt den Preis kurzfristig, oft für Sekunden oder Minuten. Die Händler nutzten es, um eigene Aufträge zu besseren Preisen auszuführen. Ein dauerhaftes Niedrighalten des Silberpreises über Jahre lässt sich daraus nicht ableiten. Die Behörden haben auch keinen solchen langfristigen Effekt festgestellt. Für Privatanleger, die physisches Silber kaufen und langfristig halten, war der Effekt dieser Praktiken praktisch bedeutungslos.

Der Silver Squeeze 2021

Ende Januar 2021 sorgte die Kursexplosion der GameStop-Aktie für Schlagzeilen. Privatanleger, die sich in Online-Foren organisierten, hatten Leerverkäufer unter Druck gesetzt. Kurz darauf rief eine Bewegung in sozialen Medien dazu auf, dasselbe mit Silber zu versuchen: Wenn viele Menschen physisches Silber kaufen, sollten Banken mit großen Short-Positionen in Bedrängnis geraten.

Die Folgen waren spürbar:

Zeitpunkt Ereignis
Ende Januar 2021 Aufrufe zum „Silver Squeeze“ verbreiten sich
1. Februar 2021 Silberpreis springt zeitweise auf rund 30 Dollar je Unze, nach rund 25 Dollar wenige Tage zuvor
Anfang Februar 2021 Händler melden Lieferengpässe bei Münzen und Barren, Aufgelder steigen stark
Februar 2021 große Zuflüsse in Silber-ETFs
danach Preis fällt zurück, Aufgelder bleiben eine Zeit lang erhöht

Der Preis fiel innerhalb weniger Tage wieder unter 27 Dollar. Ein dauerhafter Squeeze gelang nicht. Die Terminbörse erhöhte die Sicherheitsleistungen für Silber-Futures, und die Großanleger hinter den Short-Positionen waren offenbar nicht in Bedrängnis.

Was der Silver Squeeze zeigte

  • Der physische Markt ist eng: Wenn viele Privatanleger gleichzeitig kaufen, sind Münzen und Barren schnell ausverkauft, und die Aufgelder steigen massiv.
  • Der Terminmarkt ist groß: Der Börsenpreis wird überwiegend am Terminmarkt bestimmt, den Privatkäufe physischer Ware nur begrenzt bewegen.
  • Käufer zahlten drauf: Wer im Februar 2021 mit hohen Aufgeldern kaufte, lag lange im Minus.

Theorien, die nicht belegt sind

Neben den belegten Fällen kursieren Behauptungen, für die keine belastbaren Beweise vorliegen:

  • Dauerhafte Preisdrückung durch Banken: Die US-Aufsichtsbehörde CFTC untersuchte den Silbermarkt ab 2008 rund fünf Jahre lang und stellte die Ermittlungen 2013 ohne Anklage wegen einer systematischen Preismanipulation ein.
  • Staatliche Interventionen zur Stützung des Dollars: Es gibt keine nachgewiesenen Interventionen am Silbermarkt in jüngerer Zeit.
  • Bevorstehender Zusammenbruch des Terminmarkts: Seit Jahrzehnten wird vorhergesagt, dass die Börsen ihre Lieferverpflichtungen nicht erfüllen können. Das ist bisher nicht eingetreten.

Hohe Short-Positionen großer Banken an der Terminbörse sind kein Beweis für Manipulation. Sie können auch der Absicherung dienen, etwa für Minenbetreiber, die künftige Produktion verkaufen, oder für Händler, die physische Bestände halten.

Papiersilber und physisches Silber

Ein häufiges Argument in der Manipulationsdebatte ist das Verhältnis zwischen „Papiersilber“ und physischem Silber. Gemeint ist, dass an Terminbörsen und im außerbörslichen Handel Ansprüche auf ein Vielfaches der tatsächlich gelagerten Silbermenge gehandelt werden. Das ist zutreffend, aber nicht ungewöhnlich: Terminkontrakte werden überwiegend vor Fälligkeit glattgestellt oder bar abgerechnet, nur ein kleiner Teil führt zur physischen Lieferung. Ähnliche Verhältnisse gibt es bei vielen Rohstoffen.

Ein Risiko entsteht, wenn ungewöhnlich viele Marktteilnehmer gleichzeitig physische Lieferung verlangen. Dann können Lagerbestände knapp werden und die Preise für physische Ware sich vom Terminpreis lösen. Solche Spannungen gab es in einzelnen Phasen, etwa als im Frühjahr 2020 und erneut in späteren Jahren die Preise für Silber in London und New York zeitweise auseinanderliefen. Ein dauerhafter Zusammenbruch des Systems ist daraus bislang nicht entstanden.

Für Privatanleger ergibt sich daraus eine einfache Konsequenz: Wer Wert auf direkte Verfügung legt, hält physisches Silber in eigener Verwahrung oder in einem Zollfreilager mit Eigentumsnachweis. Wie sich physisches Silber von ETF-Lösungen unterscheidet, erklärt der Ratgeber Physisches Silber vs. ETF.

Wie Aufsicht und Regeln sich verändert haben

Nach den Skandalen der 2010er Jahre wurden die Regeln verschärft:

  • Spoofing ist in den USA seit dem Dodd-Frank-Gesetz von 2010 ausdrücklich verboten, und die Behörden verfolgen es aktiv.
  • Referenzpreise wie der LBMA Silver Price werden über elektronische Auktionen mit unabhängiger Verwaltung ermittelt.
  • In der EU unterliegen Benchmarks der Benchmark-Verordnung, und Marktmissbrauch wird nach der Marktmissbrauchsverordnung verfolgt.
  • Handelsplattformen überwachen Auftragsmuster mit automatisierten Systemen.

Völlig ausschließen lässt sich Manipulation dadurch nicht, aber das Entdeckungsrisiko für die Beteiligten ist deutlich gestiegen.

Was Anleger daraus ableiten können

  1. Manipulation ist möglich, aber meist kurzfristig: Die belegten Fälle betrafen vor allem kurzfristige Preisverzerrungen. Für langfristige Anleger spielen sie kaum eine Rolle.
  2. Nicht von Untergangsszenarien leiten lassen: Wer Silber kauft, weil ein Zusammenbruch des Terminmarkts angeblich unmittelbar bevorsteht, investiert auf Basis von Spekulation.
  3. Physisch kaufen, aber nicht im Hype: In Phasen extremer Nachfrage steigen die Aufgelder. Ruhige Phasen sind für Käufe günstiger.
  4. Volatilität einplanen: Silber schwankt stark, mit oder ohne Manipulation. Mehr dazu im Ratgeber Silber oder Gold.
  5. Silber als Beimischung: Silber eignet sich als Ergänzung, aber selten als Hauptanlage. Ein regelmäßiger Kauf glättet die Schwankungen. Mehr im Ratgeber Silber-Sparplan.

Fazit

Im Silbermarkt gab es nachweislich Manipulationen: die Spekulation der Hunt-Brüder 1980, Vergleichszahlungen im Zusammenhang mit dem alten Londoner Fixing und Spoofing-Praktiken, für die JPMorgan 2020 rund 920 Millionen Dollar zahlte und mehrere Händler verurteilt wurden. Diese Fälle betrafen aber überwiegend kurzfristige Verzerrungen. Für die These einer dauerhaften, systematischen Preisdrückung fehlen belastbare Belege, und die US-Aufsicht stellte eine mehrjährige Untersuchung 2013 ohne Anklage ein. Der Silver Squeeze 2021 zeigte, wie eng der physische Markt ist, konnte den Preis aber nicht dauerhaft bewegen. Anleger sollten Silber deshalb nüchtern als schwankungsreiche Beimischung betrachten. Den aktuellen Kurs finden Sie auf der Seite Silberpreis.