Wer einen Nachlass sortiert, auf dem Flohmarkt stöbert oder Schmuck verkaufen möchte, stößt früher oder später auf winzige Zahlen und Symbole, die in das Metall geschlagen sind. Diese Silberstempel, auch Punzen genannt, sind die wichtigste Informationsquelle über ein Silberstück. Sie zeigen den Feingehalt, oft auch den Hersteller und manchmal das Herkunftsland und die Entstehungszeit.
In diesem Ratgeber lernen Sie, die gängigen Stempel sicher zu lesen, versilberte Ware von massivem Silber zu unterscheiden und typische Fehldeutungen zu vermeiden. Am Ende wissen Sie, welche Stücke einen echten Materialwert haben und bei welchen sich eine fachkundige Prüfung lohnt.
Was ein Silberstempel aussagt
Silber wird fast nie in reiner Form verarbeitet. Feinsilber ist so weich, dass sich ein Löffel daraus beim Umrühren verbiegen würde. Deshalb wird es mit anderen Metallen, meist Kupfer, legiert. Der Feingehaltsstempel gibt an, wie viele Tausendteile der Legierung aus reinem Silber bestehen. Ein Stück mit der Zahl 925 besteht also zu 925 von 1.000 Teilen aus Silber, der Rest ist überwiegend Kupfer.
Diese Angabe ist für den Wert entscheidend. Bei gleichem Gewicht enthält ein 925er Stück gut 15 Prozent mehr Silber als ein 800er Stück. Der Rechenweg ist immer derselbe: Gewicht in Gramm mal Feingehalt geteilt durch 1.000 ergibt die enthaltene Menge Feinsilber.

Die gängigen Feingehalte im Überblick
999 – Feinsilber
Die Zahl 999 oder 999,9 steht für nahezu reines Silber. Sie findet sich auf Anlagebarren und Anlagemünzen wie dem Maple Leaf oder dem Wiener Philharmoniker. Im Schmuck- und Gebrauchsbereich ist 999 selten, weil das Metall zu weich ist. Wer Anlagesilber verkaufen möchte, findet weitere Hinweise im Beitrag Silber verkaufen: Wo, wann und zu welchem Preis?.
925 – Sterlingsilber
925 ist der weltweit verbreitetste Standard für Schmuck und hochwertige Silberwaren. Der Begriff „Sterling“ stammt aus England, wo dieser Feingehalt seit Jahrhunderten gesetzlich verankert ist. Britisches Sterlingsilber erkennt man am schreitenden Löwen. Auch die deutschen 20-Euro-Gedenkmünzen bestehen aus 925er Silber. Moderne Schmuckstücke tragen oft nur die Zahl 925, manchmal ergänzt um „Sterling“ oder „STG“.
900 – Münzsilber
900er Silber war lange ein typischer Münzstandard, etwa bei älteren Münzen vieler Länder. Auch Besteck mit 900er Stempel kommt vor, vor allem aus Österreich und Südeuropa.
835 und 830
835er Silber ist vor allem bei deutschem Besteck und Silberwaren aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbreitet, 830 findet sich häufig bei skandinavischen Stücken. Beide liegen zwischen dem klassischen 800er und dem Sterlingsilber.
800 – klassisches deutsches Tafelsilber
Das Feingehaltsgesetz von 1884 legte 800 als Mindestfeingehalt fest, der in Deutschland noch als Silber bezeichnet werden durfte. Entsprechend häufig ist 800er Silber bei deutschem Besteck, Tabletts und Leuchtern. Wer ein solches Erbstück bewerten möchte, findet die Rechnung Schritt für Schritt im Ratgeber Silberbesteck verkaufen.
625 – Silbermünzen der D-Mark-Zeit
Der Feingehalt 625 begegnet den meisten Menschen bei den alten 5-DM- und 10-DM-Silbermünzen. Auf Schmuck oder Besteck ist er unüblich. Den Silbergehalt dieser Münzen erklärt unser Beitrag Silbermünzen der D-Mark: Wert und Silbergehalt.
Halbmond und Krone: das deutsche Silberzeichen
Auf deutschen Silberwaren ab 1888 findet sich häufig ein kleiner Halbmond neben einer Krone. Dieses Zeichen geht auf das Reichsgesetz über den Feingehalt der Gold- und Silberwaren von 1884 zurück, das 1888 in Kraft trat. Der Halbmond steht traditionell für Silber, die Krone für das Deutsche Reich. Das Zeichen wurde zusammen mit der Feingehaltszahl und dem Herstellerzeichen geschlagen.
Für die Praxis bedeutet das:
- Halbmond, Krone und 800 (oder 835, 925): Mit hoher Wahrscheinlichkeit massives deutsches Silber aus der Zeit ab 1888.
- Nur eine Feingehaltszahl ohne Halbmond: Typisch für Stücke nach 1945 oder für ausländische Ware, ebenso aussagekräftig.
- Halbmond und Krone ohne Zahl: Ungewöhnlich, hier lohnt eine genauere Prüfung.
Vor 1888 nutzten deutsche Städte eigene Beschauzeichen, etwa die Zirbelnuss für Augsburg. Solche Stücke sind oft mehr als 150 Jahre alt und gehören in die Hände von Fachleuten, weil ihr Antiquitätswert den Materialwert deutlich übersteigen kann. Ältere Feingehaltsangaben wurden zudem in „Lot“ gemacht, wobei 16 Lot reinem Silber entsprachen; 12 Lot entsprechen damit etwa 750er, 13 Lot etwa 812er Silber.
Versilbert: Zahlen, die in die Irre führen
Die häufigste Fehldeutung betrifft versilbertes Besteck. Viele Stücke tragen Zahlen wie 90, 100 oder 120, die auf den ersten Blick wie ein Feingehalt wirken. Tatsächlich geben sie nach der RAL-Gütenorm an, wie viele Gramm Silber galvanisch auf eine Oberfläche von 24 Quadratdezimetern aufgebracht wurden. Ein Besteck mit dem Stempel 90 enthält also eine hauchdünne Silberschicht auf einem Grundmetall wie Alpaka oder Messing.
Weitere Hinweise auf Versilberung:
- Kürzel wie EPNS (electroplated nickel silver), EP, A1 oder Alpaka
- Herstellernamen wie WMF oder Wellner in Kombination mit einer Zahl wie 90 oder 100, ohne Feingehalt wie 800
- Der Schriftzug „versilbert“, „silver plated“ oder „Hartversilbert“
- An abgenutzten Stellen scheint ein gelbliches oder graues Grundmetall durch
Versilberte Ware hat nahezu keinen Materialwert, weil die Rückgewinnung der dünnen Schicht teurer ist als das enthaltene Silber. Ihr Wert ergibt sich höchstens aus Design, Zustand und Gebrauchswert.
Stempel auf Schmuck: Was zusätzlich zu beachten ist
Bei Silberschmuck ist der Stempel meist sehr klein und sitzt an der Innenseite des Rings, am Verschluss einer Kette oder am Bügel eines Ohrrings. Neben der Feingehaltszahl finden Sie häufig ein Herstellerzeichen oder einen Markennamen. Einige Punkte verdienen Aufmerksamkeit:
- Fehlender Stempel: Gerade bei sehr kleinen oder alten Stücken, bei Reparaturen oder bei handgefertigtem Schmuck fehlt der Stempel manchmal. Das bedeutet nicht automatisch, dass es kein Silber ist, erfordert aber eine Prüfung.
- Rhodiniertes Silber: Moderner 925er Schmuck ist oft mit Rhodium überzogen, damit er nicht anläuft. Er wirkt dadurch heller und kühler. Der Silbergehalt ändert sich dadurch nicht. Mehr dazu im Beitrag Rhodinierter Schmuck.
- Vergoldetes Silber: Ein Stempel 925 auf einem goldfarbenen Stück bedeutet vergoldetes Silber, auch „Vermeil“ genannt. Bewertet wird es wie Silber, nicht wie Gold.
Wie Sie Silberschmuck anschließend realistisch bewerten, erklärt der Ratgeber 925er Silber verkaufen.
Gefälschte Stempel und Tests zu Hause
Ein Stempel ist ein starker Hinweis, aber kein Beweis. Gerade bei Billigimporten und manchen Onlineangeboten werden Zahlen wie 925 auch auf unedle Metalle geschlagen. Einige einfache Tests helfen bei der Einschätzung, ersetzen aber keine professionelle Prüfung:
- Magnettest: Silber ist nicht magnetisch. Zieht ein starker Neodym-Magnet das Stück deutlich an, ist es kein massives Silber. Bleibt es unbeeindruckt, ist das allerdings noch kein Echtheitsnachweis, denn auch Kupfer oder Messing sind nicht magnetisch.
- Eiswürfeltest: Silber leitet Wärme hervorragend. Ein Eiswürfel schmilzt auf einem massiven Silberstück auffällig schnell. Der Test funktioniert vor allem bei größeren, flachen Stücken.
- Anlauftest: Echtes Silber läuft mit der Zeit dunkel an. Das ist kein Mangel, sondern ein Echtheitsindiz.
- Geruch und Abfärben: Riecht ein Stück deutlich metallisch oder hinterlässt es grünliche Spuren auf der Haut, ist das eher ein Hinweis auf eine kupferreiche Legierung oder Messing.
Ankäufer und Juweliere arbeiten mit präziseren Verfahren wie der Strichprobe mit Prüfsäure oder der Röntgenfluoreszenzanalyse, die ein Stück zerstörungsfrei auf seine Zusammensetzung untersucht. Für Münzen und Barren gibt es zusätzlich Methoden wie die Prüfung von Maßen und Klang, die im Ratgeber Silbermünzen auf Echtheit prüfen beschrieben sind.
Vom Stempel zum Wert: ein kurzes Beispiel
Angenommen, Sie haben eine Kette mit dem Stempel 925, die 30 Gramm wiegt. Darin stecken 30 × 0,925 = 27,75 Gramm Feinsilber. Diesen Wert multiplizieren Sie mit dem aktuellen Silberpreis pro Gramm, den Sie auf der Seite Silberpreis aktuell finden. Das Ergebnis ist der reine Materialwert. Ankäufer zahlen davon einen Anteil, weil sie Schmelz- und Prüfkosten tragen. Für eine schnelle Rechnung können Sie den Silberwert-Rechner nutzen.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet der Stempel 925 auf Silber?
925 bedeutet, dass das Stück zu 92,5 Prozent aus reinem Silber besteht. Der Rest ist meist Kupfer. Diese Legierung heißt Sterlingsilber und ist der gängigste Standard für Silberschmuck.
Ist Besteck mit dem Stempel 90 echtes Silber?
Nein. Die Zahl 90 bezeichnet bei Besteck in der Regel eine Versilberung: Auf 24 Quadratdezimeter Oberfläche wurden 90 Gramm Silber galvanisch aufgetragen. Das Grundmetall ist unedel, der Materialwert entsprechend gering.
Was bedeuten Halbmond und Krone auf Silber?
Halbmond und Krone sind das deutsche Silberzeichen nach dem Feingehaltsgesetz von 1884, das 1888 in Kraft trat. Es steht zusammen mit einer Feingehaltszahl wie 800 und weist auf massives deutsches Silber hin.
Kann ein Stück ohne Stempel trotzdem Silber sein?
Ja. Sehr kleine, alte oder handgefertigte Stücke sind manchmal nicht gestempelt. Eine sichere Aussage liefert dann nur eine Prüfung beim Juwelier oder Ankäufer, etwa per Strichprobe oder Röntgenfluoreszenz.
Welcher Silberstempel ist am wertvollsten?
Bei gleichem Gewicht enthält 999er Silber am meisten Feinsilber, gefolgt von 925, 900, 835 und 800. Für den Materialwert zählt also der höhere Feingehalt. Bei antiken oder Designerstücken kann der Sammlerwert diese Rangfolge jedoch umkehren.
Fazit
Silberstempel zu lesen ist keine Geheimwissenschaft. Die Zahl gibt den Feingehalt an, Halbmond und Krone verraten deutsche Herkunft ab 1888, und Zahlen wie 90 oder 100 auf Besteck deuten auf Versilberung hin. Wer diese Grundregeln kennt, kann einen Nachlass in kurzer Zeit vorsortieren, den Materialwert selbst überschlagen und erkennt sofort, wenn ein Angebot nicht zur Ware passt. Bei alten Stadtmarken, fehlenden Stempeln oder auffälligen Designerstücken lohnt sich dagegen der Blick eines Fachmanns.




