Wer sich mit der Geschichte des Silberpreises beschäftigt, kommt an einem Datum nicht vorbei: dem 27. März 1980, dem sogenannten „Silver Thursday“. An diesem Tag brach nicht nur der Silberpreis ein, sondern beinahe auch ein Teil des amerikanischen Finanzsystems. Ausgelöst hatten das zwei Brüder aus einer der reichsten Familien der USA, Nelson Bunker Hunt und William Herbert Hunt, die versucht hatten, einen erheblichen Teil des weltweiten Silbers in ihren Besitz zu bringen.
Dieser Artikel erzählt die Geschichte der Hunt-Spekulation nach, erklärt, wie der Silberpreis von rund 6 auf fast 50 Dollar stieg und wieder fiel, und fasst zusammen, was heutige Silberanleger daraus lernen können.
Wer waren die Hunt-Brüder?
Nelson Bunker Hunt und William Herbert Hunt waren Söhne des texanischen Ölmagnaten H. L. Hunt, der als einer der reichsten Männer der Welt galt. Die Brüder erbten ein großes Vermögen und investierten in Öl, Immobilien, Pferdezucht und Rohstoffe.
In den 1970er-Jahren litten die USA unter hoher Inflation. Nach der Aufhebung der Goldbindung des Dollars 1971 verlor die Währung spürbar an Kaufkraft. Die Hunts, die ein tiefes Misstrauen gegenüber Papiergeld hegten, sahen in Edelmetallen einen Schutz. Weil privater Goldbesitz in den USA bis Ende 1974 verboten war, konzentrierten sie sich auf Silber. Die Hintergründe des Goldverbots erklärt der Artikel Goldverbot 1933.
Der Aufkauf: Silber im großen Stil
Ab Anfang der 1970er-Jahre begannen die Hunts, Silber zu kaufen, zunächst physisch und über Terminkontrakte. Im Laufe der Jahrzehnte holten sie weitere Investoren ins Boot, darunter vermögende Partner aus Saudi-Arabien. Besonders aggressiv wurde der Aufkauf 1979.
Die Brüder nutzten eine Besonderheit der Terminmärkte: Statt ihre auslaufenden Kontrakte vor Fälligkeit zu verkaufen, wie es die meisten Spekulanten tun, verlangten sie die physische Lieferung des Silbers. Das Silber ließen sie in Tresoren in der Schweiz und den USA einlagern. Damit verringerten sie das verfügbare Angebot an den Börsen und trieben den Preis weiter in die Höhe.
Schätzungen gehen davon aus, dass die Hunts und ihre Partner auf dem Höhepunkt Silber im Umfang von rund 100 Millionen Unzen physisch hielten und Terminpositionen über ein Vielfaches davon kontrollierten. Das entsprach einem erheblichen Teil des frei handelbaren Silbers weltweit.
Die Preisexplosion: von 6 auf fast 50 Dollar
Anfang 1979 kostete eine Feinunze Silber etwa 6 Dollar. Im Laufe des Jahres stieg der Preis immer schneller. Neben den Käufen der Hunts trieben die hohe Inflation, die iranische Revolution, die Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran und der sowjetische Einmarsch in Afghanistan die Nachfrage nach Edelmetallen. Am 17. Januar 1980 erreichte Silber an der New Yorker Warenbörse COMEX mit 49,45 Dollar pro Unze ein Rekordhoch. Gold stieg zur gleichen Zeit auf 850 Dollar.
| Zeitpunkt | Silberpreis je Unze (circa) |
|---|---|
| Anfang 1979 | 6 Dollar |
| Herbst 1979 | über 15 Dollar |
| Ende 1979 | rund 30 Dollar |
| 17. Januar 1980 | 49,45 Dollar (Rekord) |
| Ende März 1980 | unter 11 Dollar |
Die Preisexplosion hatte reale Folgen: Viele Menschen verkauften Familiensilber, Besteck und Münzen, um von den hohen Preisen zu profitieren. Juweliere und Silberwarenhersteller gerieten unter Druck, und Fotofirmen wie Kodak, die Silber in großen Mengen für Filme brauchten, klagten über explodierende Kosten.
Die Gegenreaktion: Silver Rule 7
Börsen und Aufsichtsbehörden sahen die Entwicklung mit wachsender Sorge. Am 7. Januar 1980 führte die COMEX eine Regel ein, die als „Silver Rule 7“ bekannt wurde. Sie beschränkte die Positionen, die einzelne Marktteilnehmer halten durften, und verschärfte die Anforderungen an Sicherheitsleistungen, sogenannte Margins. Kurz darauf erlaubte die Börse nur noch Geschäfte, die bestehende Positionen schlossen, nicht aber neue Käufe auf Kredit.
Diese Eingriffe trafen die Hunts empfindlich. Sie hatten ihre Käufe zu großen Teilen mit geliehenem Geld finanziert und das gekaufte Silber als Sicherheit eingesetzt. Solange der Preis stieg, funktionierte das. Als der Preis zu fallen begann, verlangten Banken und Broker zusätzliche Sicherheiten.
Silver Thursday: der 27. März 1980
Im März 1980 fiel der Silberpreis rasant. Gleichzeitig hob die US-Notenbank unter Paul Volcker die Zinsen drastisch an, um die Inflation zu bekämpfen. Höhere Zinsen machten die Kreditfinanzierung teurer und Edelmetalle weniger attraktiv.
Am 27. März 1980 konnten die Hunts eine Nachschussforderung ihres Brokers in Höhe von rund 100 Millionen Dollar nicht mehr bedienen. Die Nachricht löste Panik aus. Der Silberpreis fiel an diesem Tag drastisch und lag bald unter 11 Dollar. Weil mehrere große Broker und Banken stark gegenüber den Hunts exponiert waren, drohte eine Kettenreaktion im Finanzsystem.
Um eine Ausweitung der Krise zu verhindern, organisierte ein Bankenkonsortium mit Billigung der Notenbank einen Kredit von über einer Milliarde Dollar, mit dem die Hunts ihre Schulden geordnet abwickeln konnten. Als Sicherheit dienten unter anderem Ölbeteiligungen der Familie.
Die Folgen für die Hunts
Für die Hunt-Brüder endete die Spekulation in einem finanziellen Desaster. Sie verloren einen großen Teil ihres Vermögens, mussten sich in den folgenden Jahren gerichtlich gegen Vorwürfe der Marktmanipulation verteidigen und meldeten Ende der 1980er-Jahre Privatinsolvenz an. In einem Zivilverfahren wurden sie wegen Verschwörung zur Manipulation des Silbermarktes zu Schadensersatz verurteilt. Die US-Rohstoffaufsicht verhängte Geldstrafen und Handelsverbote.
Die langfristigen Folgen für den Silbermarkt
Der Silberpreis erholte sich vom Crash lange nicht. Nach dem Höhenflug von 1980 folgten zwei Jahrzehnte mit überwiegend niedrigen Preisen. In den 1990er-Jahren kostete eine Unze oft nur 4 bis 6 Dollar. Erst 2011 erreichte Silber mit knapp 50 Dollar wieder das nominale Niveau von 1980, inflationsbereinigt blieb es weit darunter. Die Entwicklung des Silberpreises über die Jahrzehnte zeichnet der Ratgeber Silberpreis-Entwicklung nach.
Die Börsen zogen ebenfalls Lehren. Positionslimits, strengere Margin-Regeln und eine engere Aufsicht über konzentrierte Positionen wurden zum Standard. Ein Versuch, den Silbermarkt in vergleichbarer Weise zu beherrschen, ist seither nicht mehr gelungen.
Was Silberanleger heute daraus lernen können
1. Hebel ist gefährlich
Die Hunts scheiterten nicht, weil Silber wertlos wurde, sondern weil sie mit Krediten spekulierten. Als der Preis fiel, mussten sie zu schlechten Preisen verkaufen. Wer Silber physisch und ohne Kredit besitzt, kann Preiseinbrüche aussitzen. Wer auf Kredit kauft, kann gezwungen werden, im ungünstigsten Moment zu verkaufen.
2. Silber ist volatiler als Gold
Der Silbermarkt ist deutlich kleiner als der Goldmarkt. Große Käufe oder Verkäufe bewegen den Preis stärker. Das gilt auch heute: Silber schwankt typischerweise stärker als Gold, sowohl nach oben als auch nach unten. Mehr zu den Unterschieden im Ratgeber Silber oder Gold.
3. Börsen und Behörden greifen ein
Wenn Preise extrem steigen, ändern Börsen ihre Regeln. Margin-Erhöhungen und Positionslimits können eine Rallye abrupt beenden. Wer auf extreme Preisbewegungen setzt, muss mit solchen Eingriffen rechnen. Dieses Muster zeigte sich auch später, etwa 2011, als Margin-Erhöhungen den Silberpreis nach dem Anstieg auf knapp 50 Dollar wieder fallen ließen.
4. Timing ist fast unmöglich
Wer 1980 in der Euphorie Silber kaufte, musste über 30 Jahre warten, um nominal wieder auf seinen Einstandspreis zu kommen. Wer dagegen in den ruhigen 1990er-Jahren kaufte, profitierte langfristig. Eine Strategie mit regelmäßigen Käufen über einen längeren Zeitraum, etwa über einen Silber-Sparplan, verringert das Risiko, zum Höhepunkt einer Blase einzusteigen.
5. Physisch heißt nicht risikolos
Die Hunts besaßen große Mengen physisches Silber, und doch verloren sie ihr Vermögen. Physischer Besitz schützt vor Ausfallrisiken, nicht vor Preisrisiken. Silber eignet sich deshalb als Beimischung, nicht als Konzentrationswette. Eine sinnvolle Gewichtung beschreibt der Ratgeber Wie viel Silber gehört ins Portfolio.
Fazit
Die Hunt-Spekulation war der größte Versuch, den Silbermarkt zu beherrschen. Sie trieb den Preis von rund 6 auf 49,45 Dollar je Unze und endete am Silver Thursday 1980 im Zusammenbruch, ausgelöst durch neue Börsenregeln, steigende Zinsen und die Kreditfinanzierung der Brüder. Die Lehren sind zeitlos: Hebel verstärkt nicht nur Gewinne, sondern auch Verluste, Silber schwankt stärker als Gold, und wer in der Euphorie kauft, braucht viel Geduld. Wer Silber ohne Kredit, breit gestreut und über längere Zeiträume kauft, kann von seinen Stärken profitieren, ohne die Fehler der Hunts zu wiederholen. Den aktuellen Silberpreis finden Sie auf der Seite Silberpreis.




