Wer sich mit Goldminenaktien beschäftigt oder verstehen will, was den Goldpreis langfristig treibt, stößt schnell auf eine Abkürzung: AISC. Sie steht für „All-in Sustaining Costs“ und beschreibt, was es eine Mine kostet, eine Unze Gold zu fördern und den Betrieb aufrechtzuerhalten. Die Kennzahl ist für Analysten, Anleger und die Minen selbst eine der wichtigsten Größen überhaupt.

Dieser Artikel erklärt, was AISC und verwandte Kennzahlen bedeuten, wie hoch die Förderkosten grob liegen, welche Faktoren sie treiben und welche Bedeutung sie für den Goldpreis und für Anleger haben.

Drei wichtige Kostenkennzahlen

Kennzahl Was sie umfasst
Cash Costs direkte Betriebskosten der Förderung: Abbau, Aufbereitung, Personal, Energie, Lizenzgebühren
AISC (All-in Sustaining Costs) Cash Costs plus Kosten zur Aufrechterhaltung des Betriebs: Ersatzinvestitionen, Verwaltung, Exploration bestehender Minen, Rekultivierung
AIC (All-in Costs) AISC plus Investitionen in Wachstum, neue Minen und Erweiterungen

Warum AISC eingeführt wurde

Lange Zeit veröffentlichten Minenunternehmen vor allem ihre Cash Costs. Diese Zahl sah oft sehr günstig aus, weil sie wichtige Kosten wie Ersatzinvestitionen und Verwaltung ausklammerte. Investoren fühlten sich dadurch getäuscht, als viele Minen trotz scheinbar niedriger Kosten kaum Gewinn erwirtschafteten. 2013 führte der World Gold Council deshalb eine einheitliche Definition für AISC und AIC ein, die heute von den meisten großen Produzenten verwendet wird.

Was in die AISC einfließt

Typische Bestandteile:

  • Abbau und Transport des Erzes,
  • Aufbereitung, Laugung und Raffination,
  • Personal, Energie, Wasser, Chemikalien,
  • Lizenzgebühren und Förderabgaben an Staaten,
  • Ersatzinvestitionen in Maschinen und Infrastruktur,
  • Exploration zur Erhaltung der Reserven bestehender Minen,
  • allgemeine Verwaltungskosten,
  • Rückstellungen für die spätere Rekultivierung,
  • abzüglich Erlösen aus Nebenprodukten wie Silber oder Kupfer.

Der letzte Punkt ist wichtig. Viele Goldminen fördern auch andere Metalle. Die Erlöse daraus werden oft von den Kosten abgezogen, man spricht von „Kosten nach Nebenprodukt-Gutschriften“. Steigt etwa der Kupferpreis, können die ausgewiesenen AISC einer Goldmine sinken, ohne dass sich an der Goldförderung etwas geändert hat.

Wie hoch sind die Förderkosten?

Die durchschnittlichen AISC der Goldbranche sind über die Jahre deutlich gestiegen. Als grobe Größenordnung, gestützt auf Branchenauswertungen:

Zeitraum Durchschnittliche AISC der Branche (grobe Größenordnung)
um 2015 rund 900–1.000 $ je Unze
um 2019 rund 950–1.000 $ je Unze
um 2022 rund 1.250–1.300 $ je Unze
um 2024 rund 1.400–1.500 $ je Unze

Die Kosten einzelner Minen unterscheiden sich stark. Große, hochgradige Tagebaue können deutlich unter dem Durchschnitt liegen, alte, tiefe Untertageminen mit niedrigem Erzgehalt weit darüber. Die Zahlen zeigen vor allem den Trend: Gold wird teurer in der Förderung.

Warum die Kosten steigen

  1. Sinkende Erzgehalte: Die reichsten und am leichtesten zugänglichen Lagerstätten sind vielerorts erschöpft. Pro Tonne Gestein wird weniger Gold gewonnen, oft nur wenige Gramm oder weniger.
  2. Tiefere Minen: In Südafrika reichen manche Minen mehrere Kilometer in die Tiefe. Kühlung, Belüftung und Transport werden teurer.
  3. Energiepreise: Bergbau ist energieintensiv. Diesel und Strom machen einen erheblichen Teil der Kosten aus.
  4. Löhne und Fachkräfte: In vielen Bergbauregionen steigen die Lohnkosten.
  5. Umwelt- und Sozialauflagen: Höhere Standards für Wasser, Rekultivierung und Gemeinden verursachen zusätzliche Kosten. Hintergründe beschreibt der Ratgeber Konfliktgold und nachhaltiges Gold.
  6. Abgaben und Steuern: Viele Förderländer haben ihre Abgaben in Zeiten hoher Goldpreise erhöht.
  7. Inflation: Die allgemeine Teuerung wirkt auch auf Maschinen, Ersatzteile und Chemikalien.

Förderkosten und Minengewinne: der Hebel

Für Goldminen ist die Marge entscheidend, also die Differenz zwischen Goldpreis und Förderkosten. Weil die Kosten weitgehend fix sind, wirken Veränderungen des Goldpreises überproportional auf den Gewinn.

Rechenbeispiel

Die folgenden Zahlen sind angenommene Werte. Angenommen, eine Mine hat AISC von 1.500 Dollar je Unze.

Goldpreis (angenommen) Marge je Unze Veränderung der Marge
2.000 $ 500 $ Ausgangswert
2.200 $ (+10 %) 700 $ +40 %
1.800 $ (−10 %) 300 $ −40 %
1.500 $ (−25 %) 0 $ −100 %

Ein Anstieg des Goldpreises um 10 Prozent steigert die Marge in diesem Beispiel um 40 Prozent. Umgekehrt senkt ein Rückgang um 10 Prozent die Marge um 40 Prozent. Das erklärt, warum Goldminenaktien deutlich stärker schwanken als der Goldpreis selbst. Wie sich Minenaktien und physisches Gold unterscheiden, erklärt der Ratgeber Goldminenaktien vs. physisches Gold.

Allerdings steigen in Phasen hoher Goldpreise meist auch die Kosten. Minen verarbeiten dann ärmeres Erz, das sich jetzt lohnt, Lieferanten erhöhen ihre Preise, und Staaten fordern höhere Abgaben. Der Hebel wirkt deshalb in der Praxis oft schwächer als im Rechenbeispiel.

Bilden Förderkosten eine Untergrenze für den Goldpreis?

Ein häufig gehörtes Argument lautet: Der Goldpreis könne nicht dauerhaft unter die Förderkosten fallen, weil sonst die Minen schließen und das Angebot sinkt. Daran ist etwas Wahres, aber es gibt wichtige Einschränkungen:

  • Kurzfristig gilt das nicht. Der Goldpreis kann für Monate oder Jahre unter den Kosten vieler Minen liegen, wie Ende 2015, als Gold auf rund 1.050 Dollar fiel und zahlreiche Minen Verluste schrieben. Mehr dazu im Ratgeber Goldpreis 2011 bis 2015.
  • Das Minenangebot ist nur ein Teil des Markts. Der oberirdische Goldbestand ist riesig im Vergleich zur jährlichen Förderung. Der Preis wird stärker von Investoren, Zentralbanken und Schmuckkäufern bestimmt als von den Förderkosten.
  • Kosten passen sich an. Fällt der Goldpreis, senken Minen ihre Kosten durch Sparprogramme, schließen teure Abschnitte und verschieben Investitionen. Die durchschnittlichen AISC fallen dann ebenfalls.

Langfristig wirken die Förderkosten aber als eine Art weicher Boden: Liegt der Goldpreis über Jahre unter den Kosten der meisten Minen, sinken Investitionen und neue Projekte, was das künftige Angebot verknappt. Wie viel Gold insgesamt existiert, beschreibt der Ratgeber Wie viel Gold gibt es auf der Welt.

Kostenkurve: wer zuerst in Bedrängnis gerät

Analysten ordnen die Minen der Welt nach ihren Förderkosten in einer sogenannten Kostenkurve. Am unteren Ende stehen die günstigsten Minen, am oberen Ende die teuersten. Liegt der Goldpreis im oberen Viertel dieser Kurve, arbeiten die meisten Minen profitabel. Fällt er in die Mitte, schreibt ein großer Teil der teuren Produzenten Verluste.

Bereich der Kostenkurve Bedeutung
unteres Viertel sehr profitable Minen, auch bei niedrigen Preisen
Mitte Durchschnittsminen, empfindlich bei Preisrückgängen
oberes Viertel Hochkostenminen, schließen zuerst bei fallenden Preisen

Unterschiede nach Ländern und Minentypen

Die Förderkosten unterscheiden sich nicht nur zwischen einzelnen Minen, sondern auch zwischen Regionen und Abbaumethoden.

Faktor Wirkung auf die Kosten
Tagebau meist günstiger je Tonne Gestein, aber oft niedrigere Erzgehalte
Untertagebau teurer je Tonne, dafür oft höhere Erzgehalte
Tiefe Minen, etwa in Südafrika hohe Kosten für Kühlung, Belüftung und Sicherheit
Nebenprodukte wie Kupfer senken die ausgewiesenen Kosten für Gold
Abgelegene Lage höhere Kosten für Energie, Transport und Unterkunft
Wechselkurse schwache Landeswährungen senken die Kosten in Dollar

Der letzte Punkt wird oft übersehen. Minen in Australien, Kanada oder Südafrika zahlen Löhne und viele Lieferanten in ihrer Landeswährung, verkaufen ihr Gold aber in Dollar. Wertet die Landeswährung ab, sinken ihre Kosten in Dollar, und die Margen steigen. Deshalb können sich Minen in verschiedenen Ländern trotz gleichen Goldpreises sehr unterschiedlich entwickeln.

Vom Entdecken bis zur Förderung

Neben den laufenden Kosten sind die Investitionen in neue Minen enorm. Von der Entdeckung einer Lagerstätte bis zur ersten Förderung vergehen häufig zehn Jahre oder mehr, mit Explorationsbohrungen, Machbarkeitsstudien, Genehmigungsverfahren und Bau. Große Projekte kosten oft mehrere Milliarden Dollar. Diese langen Vorlaufzeiten bedeuten, dass das Minenangebot nur träge auf höhere Goldpreise reagiert. Selbst bei stark steigenden Preisen dauert es Jahre, bis zusätzliche Förderung auf den Markt kommt.

Was Anleger daraus ableiten können

  1. Bei Minenaktien auf die AISC achten: Unternehmen mit niedrigen Kosten überstehen Preisrückgänge besser.
  2. Kostentrends verfolgen: Steigen die AISC schneller als der Goldpreis, schrumpfen die Margen trotz hoher Goldpreise.
  3. Länderrisiken beachten: Minen in politisch instabilen Ländern können günstig fördern, aber unter Steuererhöhungen, Enteignungen oder Unruhen leiden.
  4. Physisches Gold ist von Kosten unabhängig: Wer physisches Gold besitzt, ist nicht von Margen, Management und Förderproblemen abhängig.
  5. Förderkosten nicht als Preisgarantie verstehen: Sie bieten langfristig eine Orientierung, aber keinen kurzfristigen Schutz.

Fazit

Die Förderkosten von Gold werden vor allem mit Cash Costs, All-in Sustaining Costs und All-in Costs gemessen. AISC umfassen neben den direkten Betriebskosten auch Ersatzinvestitionen, Verwaltung, Exploration und Rekultivierung und haben sich seit ihrer Einführung 2013 als Branchenstandard durchgesetzt. Die durchschnittlichen AISC sind über die Jahre deutlich gestiegen, getrieben von sinkenden Erzgehalten, Energie- und Lohnkosten und höheren Auflagen. Für Goldminen bestimmen sie die Marge und erzeugen eine starke Hebelwirkung auf den Gewinn. Für den Goldpreis bilden sie langfristig eine weiche Untergrenze, aber keine Garantie. Den aktuellen Kurs finden Sie auf der Seite Goldpreis.