Wer eine Schublade voll Altgold oder Silberbesteck besitzt, kommt manchmal auf die Idee, das Metall selbst einzuschmelzen. In Videos sieht das faszinierend aus: Das Metall glüht im Tiegel, wird flüssig und fließt in eine Form, aus der ein glänzender Barren entsteht. Manche erhoffen sich davon einen besseren Verkaufspreis, andere wollen einfach Platz sparen oder einen eigenen Barren besitzen.
In der Praxis ist das Einschmelzen von Edelmetallen gefährlich und bringt beim Verkauf selten Vorteile. Dieser Ratgeber erklärt, was zum Einschmelzen nötig ist, welche Risiken bestehen und in welchen Fällen es überhaupt sinnvoll sein kann.
Die Schmelzpunkte
| Metall | Schmelzpunkt (circa) |
|---|---|
| Feingold | 1.064 °C |
| Feinsilber | 962 °C |
| Kupfer | 1.085 °C |
| 585er Gold (je nach Legierung) | rund 800–950 °C |
| Sterlingsilber 925 | rund 890 °C |
| Platin | 1.768 °C |
Legierungen schmelzen meist bei niedrigeren Temperaturen als reine Metalle. Platin dagegen erfordert so hohe Temperaturen, dass es mit Hobbyausrüstung praktisch nicht zu schmelzen ist. Mehr zu den Eigenschaften von Gold erklärt der Ratgeber Gold: Dichte und Eigenschaften, zu Silber der Ratgeber Silber: Dichte und Eigenschaften.
Welche Ausrüstung nötig ist
Für das Einschmelzen braucht man mehr als einen Gasbrenner:
- Wärmequelle: ein elektrischer Schmelzofen für Edelmetalle, ein Induktionsofen oder ein leistungsstarker Gas-Sauerstoff-Brenner. Ein einfacher Bunsenbrenner oder Küchenbrenner reicht nicht aus.
- Schmelztiegel: aus Graphit, Keramik oder Quarz, passend zur Menge und Wärmequelle.
- Kokille: eine Gussform aus Graphit oder Stahl, in die das flüssige Metall gegossen wird.
- Tiegelzange: eine lange, stabile Zange, um den heißen Tiegel sicher zu greifen.
- Flussmittel: etwa Borax, um Oxide zu binden und das Fließen zu verbessern.
- Schutzausrüstung: hitzebeständige Handschuhe, Schutzbrille oder Gesichtsschutz, Schürze aus Leder, geschlossene Schuhe und Kleidung aus Naturfasern.
- Sicherer Arbeitsplatz: eine feuerfeste Unterlage, gute Belüftung oder Absaugung, kein brennbares Material in der Nähe und ein Feuerlöscher.
Die Anschaffungskosten für brauchbare Ausrüstung liegen schnell bei mehreren hundert Euro.
Die Gefahren
Das Einschmelzen von Metallen ist mit erheblichen Risiken verbunden, die in Videos oft verharmlost werden.
Verbrennungen. Flüssiges Metall mit über 1.000 Grad verursacht schwerste Verbrennungen. Schon ein kleiner Spritzer kann tiefe Wunden verursachen.
Explosionsartige Spritzer durch Feuchtigkeit. Gelangt flüssiges Metall in Kontakt mit Wasser oder einer feuchten Form, verdampft das Wasser schlagartig. Das kann zu explosionsartigen Spritzern führen. Kokillen und Tiegel müssen deshalb vorgewärmt und absolut trocken sein.
Giftige Dämpfe. Altschmuck enthält oft Lote und Legierungsbestandteile, die beim Schmelzen giftige Dämpfe freisetzen. Ältere Lote können Cadmium enthalten, dessen Dämpfe sehr gefährlich sind. Zink verdampft ebenfalls und kann Metalldampffieber auslösen. Vergoldete oder versilberte Gegenstände können zudem Nickel, Blei oder andere Metalle enthalten. Lackierungen und Kunststoffe verbrennen und setzen Schadstoffe frei.
Brandgefahr. Hohe Temperaturen in Wohnräumen, Kellern oder Garagen erhöhen die Brandgefahr erheblich.
Gefahren durch Gasflaschen. Sauerstoff- und Gasflaschen müssen fachgerecht gelagert und angeschlossen werden.
Wer diese Risiken unterschätzt, gefährdet seine Gesundheit und unter Umständen auch die seiner Mitbewohner und Nachbarn.
Probleme mit Legierungen und Fremdmetallen
Selbst wenn das Einschmelzen technisch gelingt, entstehen oft neue Probleme:
Gemischte Feingehalte. Wer 333er, 585er und 750er Schmuck zusammen einschmilzt, erhält eine Legierung mit einem unbekannten Mischfeingehalt. Ohne Analyse lässt sich nicht sagen, wie viel Gold der Barren enthält.
Lot und Fremdmaterial. Lötstellen, Verschlüsse aus Stahl, Federn, vergoldete Teile oder versteckte Füllungen verändern die Zusammensetzung. Manchmal bleiben Einschlüsse im Barren zurück.
Steine. Edelsteine können durch die Hitze zerstört werden. Diamanten verbrennen bei hohen Temperaturen an der Luft, andere Steine zerspringen oder verfärben sich.
Ungleichmäßige Verteilung. Ohne sorgfältiges Rühren und Durchmischen verteilen sich die Metalle im Barren nicht gleichmäßig. Eine Probe an einer Stelle gibt dann nicht den Durchschnitt wieder.
Warum selbst gegossene Barren schwer verkäuflich sind
Der wichtigste Grund, warum sich das Einschmelzen selten lohnt, liegt beim Verkauf. Ein selbst gegossener Barren hat keine Punze, keinen Hersteller, kein Zertifikat und keinen bekannten Feingehalt. Für einen Händler ist er ein unbekanntes Stück Metall.
Händler müssen einen solchen Barren deshalb aufwendig prüfen, häufig mit Röntgenfluoreszenz und gegebenenfalls einer Probenahme. Manche Händler kaufen selbst gegossene Barren gar nicht an, andere ziehen Prüfkosten ab oder bewerten vorsichtiger als bei gestempeltem Altschmuck. Wie die Prüfung funktioniert, erklärt der Ratgeber Röntgenfluoreszenzanalyse bei Gold.
Hinzu kommt, dass Scheideanstalten Altgold ohnehin einschmelzen. Das Einschmelzen vor dem Verkauf spart dem Händler also keinen Arbeitsschritt, der Ihnen vergütet würde. Im Gegenteil: Der ursprüngliche Schmuck mit seinen Punzen lässt sich leichter bewerten als ein Schmelzbarren unbekannter Zusammensetzung. Wie Scheideanstalten arbeiten, beschreibt der Ratgeber Scheideanstalt: Was ist das?.
Was man durch Einschmelzen verlieren kann
- Sammlerwert: Historische Münzen, antiker Schmuck oder Designerstücke können weit mehr wert sein als ihr Material. Durch Einschmelzen ist dieser Wert unwiederbringlich verloren. Mehr dazu im Ratgeber Sammlerwert oder Goldwert.
- Edelsteine: Steine, die vor dem Einschmelzen nicht entfernt wurden, sind meist zerstört.
- Schmelzverlust: Beim Schmelzen entstehen kleine Materialverluste durch Spritzer und Rückstände im Tiegel.
- Nachweisbarkeit: Kaufbelege und Punzen, die das Alter und die Herkunft belegen, sind nicht mehr zuzuordnen, was etwa bei der Spekulationsfrist relevant sein kann.
Wann Einschmelzen sinnvoll sein kann
Es gibt Fälle, in denen das Einschmelzen durchaus seinen Platz hat:
- Hobby-Goldschmiede und Schmuckkurse: Wer selbst Schmuck herstellt, schmilzt Metall für Gussarbeiten oder Walzen ein, idealerweise mit bekannter Legierung und in einer geeigneten Werkstatt.
- Umarbeitung beim Goldschmied: Ein Goldschmied kann Altgold einschmelzen, um daraus ein neues Schmuckstück herzustellen.
- Große Mengen bei Scheideanstalten: Wer große Mengen Altgold oder Silber besitzt, kann sie bei einer Scheideanstalt einschmelzen und analysieren lassen. Das ist professionell, sicher und führt zu einer genauen Abrechnung.
Rechtliche Aspekte
Das Einschmelzen eigenen Altgolds oder Silbers ist für Privatpersonen in Deutschland grundsätzlich erlaubt. Einige Punkte sollten Sie dennoch beachten. Das Arbeiten mit offenen Flammen und Gasflaschen in Mietwohnungen kann gegen den Mietvertrag oder die Hausordnung verstoßen und im Schadensfall Probleme mit der Versicherung verursachen. Prüfen Sie, ob Ihre Hausratversicherung Schäden durch solche Tätigkeiten abdeckt.
Wer selbst gegossene Barren mit eigenen Stempeln versieht, die den Eindruck einer offiziellen Feingehaltsangabe oder eines bekannten Herstellers erwecken, bewegt sich auf dünnem Eis. Eine Feingehaltsangabe muss in Deutschland stimmen. Kopien bekannter Herstellerlogos sind grundsätzlich unzulässig und können als Fälschung gewertet werden.
Auch das Einschmelzen von Münzen kann problematisch sein. Bei historischen Münzen ist es rechtlich meist erlaubt, aber wirtschaftlich unsinnig, weil der Sammlerwert verloren geht. Bei Umlaufmünzen gelten in manchen Ländern Einschränkungen.
Ein Rechenbeispiel
Die folgenden Zahlen sind angenommene Werte. Angenommen, Sie besitzen 50 Gramm Altgold aus 585er Schmuck mit einem Materialwert von 2.925 Euro bei einem angenommenen Preis von 100 Euro je Gramm Feingold. Für Ofen, Tiegel, Kokille, Zange und Schutzausrüstung geben Sie 400 Euro aus. Beim Schmelzen verlieren Sie durch Spritzer und Rückstände etwa ein halbes Gramm. Anschließend muss der Händler den unbekannten Barren analysieren und verlangt dafür eine Gebühr oder zahlt einen vorsichtigeren Preis. Unter dem Strich stehen Sie schlechter da als beim direkten Verkauf des Schmucks, den der Händler anhand der Punzen schnell bewerten kann.
Die bessere Alternative: professionell verkaufen
Für die meisten Menschen ist der direkte Verkauf von Altgold an einen seriösen Händler der einfachste und sicherste Weg. Berechnen Sie zuvor den Materialwert anhand von Gewicht und Punze mit dem Goldwert-Rechner, holen Sie mehrere Angebote ein und lassen Sie sich die Prüfung zeigen. Wie Sie Angebote vergleichen, erklärt der Ratgeber Altgold-Angebote vergleichen. Für Silber gilt Ähnliches, beschrieben im Ratgeber Silber-Recycling.
Fazit
Gold schmilzt bei rund 1.064 Grad, Silber bei rund 962 Grad. Zum Einschmelzen braucht man einen geeigneten Ofen oder Brenner, Tiegel, Kokille, Flussmittel und umfassende Schutzausrüstung. Die Risiken durch Verbrennungen, Spritzer, giftige Dämpfe und Brände sind erheblich. Selbst gegossene Barren haben keinen bekannten Feingehalt, keine Punze und keinen Hersteller und sind deshalb schwerer zu verkaufen als der ursprüngliche Schmuck. Zudem können Sammlerwerte und Edelsteine verloren gehen. Für die meisten Menschen ist der direkte Verkauf an einen seriösen Händler oder die Abgabe großer Mengen an eine Scheideanstalt der bessere Weg.




