In den vergangenen Jahren gehörten Zentralbanken zu den größten Käufern auf dem Goldmarkt. Mehrere Jahre in Folge erwarben sie zusammen mehr als 1.000 Tonnen. Das wirkt heute selbstverständlich, war aber lange Zeit anders. Über mehrere Jahrzehnte waren Zentralbanken Nettoverkäufer von Gold. Viele Länder hielten Gold für ein Relikt der Vergangenheit, das keine Zinsen bringt und nur Lagerkosten verursacht.
Dieser Artikel erzählt die Geschichte der Goldverkäufe von Zentralbanken, erklärt die Goldabkommen, mit denen die Verkäufe koordiniert wurden, und beschreibt, warum die Notenbanken umdachten.
Vorgeschichte: Gold als Fundament des Währungssystems
Im Bretton-Woods-System nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Währungen der Mitgliedsländer an den US-Dollar gebunden, und der Dollar war zu 35 Dollar je Unze in Gold einlösbar, allerdings nur für Zentralbanken. Gold war damit das Fundament der Weltwährungsordnung.
Der Londoner Goldpool (1961–1968)
Anfang der 1960er Jahre geriet der feste Goldpreis unter Druck, weil die USA mehr Dollar in Umlauf brachten, als durch Gold gedeckt waren. Acht Zentralbanken, darunter die Deutsche Bundesbank, gründeten 1961 den Londoner Goldpool. Sie verkauften gemeinsam Gold auf dem Londoner Markt, um den Preis bei 35 Dollar zu halten. 1968 brach der Pool zusammen, nachdem die Mitglieder große Mengen Gold abgegeben hatten. Danach entstand ein gespaltener Markt mit einem offiziellen Preis für Zentralbanken und einem freien Preis für alle anderen.
Das Ende der Goldbindung 1971
Im August 1971 kündigte US-Präsident Nixon die Einlösbarkeit des Dollars in Gold auf. Damit endete die Goldbindung des Weltwährungssystems. Der Goldpreis wurde in den folgenden Jahren frei, und in den USA durften Privatpersonen ab 1975 wieder Gold besitzen. Die Vorgeschichte dieses Verbots beschreibt der Ratgeber Goldverbot 1933.
Die Auktionen der 1970er Jahre
Nach dem Ende von Bretton Woods wollten die USA und der Internationale Währungsfonds die Rolle des Goldes im Währungssystem zurückdrängen. Zwischen 1976 und 1980 versteigerte der IWF rund ein Sechstel seiner Goldbestände, und das US-Finanzministerium führte ebenfalls Goldauktionen durch. Der Goldpreis stieg trotzdem stark, getrieben von hoher Inflation und politischer Unsicherheit, und erreichte im Januar 1980 sein damaliges Rekordhoch. Mehr dazu im Ratgeber Goldpreis 1980: Rekord und Absturz.
Die Verkaufswelle der 1990er Jahre
In den 1980er und 1990er Jahren fiel der Goldpreis über lange Zeit. Die Inflation war gezähmt, Aktien und Anleihen brachten hohe Erträge, und viele Ökonomen hielten Goldreserven für überholt. Mehrere Zentralbanken verkauften große Teile ihrer Bestände:
| Land | Zeitraum | Verkauf (gerundet) |
|---|---|---|
| Belgien | 1989–1990er | mehrere hundert Tonnen |
| Niederlande | 1990er–2000er | mehrere hundert Tonnen |
| Australien | 1997 | 167 Tonnen, rund zwei Drittel der Reserven |
| Argentinien | 1990er | Teile der Reserven |
| Großbritannien | 1999–2002 | 395 Tonnen, gut die Hälfte der Reserven |
| Schweiz | 2000–2005 | 1.300 Tonnen |
Die Verkäufe drückten auf den Goldpreis, der 1999 auf rund 250 Dollar je Unze fiel, den tiefsten Stand seit etwa zwei Jahrzehnten.
Brown's Bottom: Großbritanniens Goldverkauf
Der bekannteste Fall ist der britische Goldverkauf. Im Mai 1999 kündigte das britische Schatzamt unter Finanzminister Gordon Brown an, rund die Hälfte der britischen Goldreserven zu verkaufen. Die Verkäufe erfolgten in 17 Auktionen zwischen Juli 1999 und März 2002. Bereits die Ankündigung ließ den Goldpreis fallen. Der durchschnittlich erzielte Preis lag bei rund 275 Dollar je Unze.
Weil der Goldpreis in den folgenden Jahren stark stieg, gilt der Verkauf heute als Paradebeispiel für schlechtes Timing. Der Tiefpunkt des Goldpreises um diese Zeit wird deshalb oft „Brown's Bottom“ genannt. Kritiker bemängelten vor allem, dass die Verkäufe im Voraus angekündigt wurden, was den Preis zusätzlich drückte.
Die Schweiz: 1.300 Tonnen aus den Reserven
Die Schweiz hatte über Jahrzehnte eine der höchsten Goldreserven pro Kopf der Welt, und der Franken war bis 2000 formal an Gold gebunden. Mit der neuen Bundesverfassung und dem neuen Währungsgesetz wurde die Goldbindung aufgehoben. Die Schweizerische Nationalbank verkaufte zwischen 2000 und 2005 rund 1.300 Tonnen Gold, die sie als nicht mehr benötigte Reserven einstufte. Ein Teil des Erlöses ging an Bund und Kantone. 2014 lehnten die Schweizer Stimmberechtigten eine Volksinitiative ab, die einen Mindestanteil von 20 Prozent Gold an den Reserven der Nationalbank und ein Verkaufsverbot verlangt hatte.
Das Washingtoner Goldabkommen
Um einen ungeordneten Preisverfall durch unkoordinierte Verkäufe zu verhindern, schlossen 15 europäische Zentralbanken, darunter die EZB und die Bundesbank, im September 1999 das Washingtoner Goldabkommen, offiziell Central Bank Gold Agreement (CBGA). Die Unterzeichner verpflichteten sich, ihre Verkäufe zu begrenzen und Gold nicht in größerem Umfang zu verleihen.
| Abkommen | Laufzeit | Obergrenze |
|---|---|---|
| CBGA 1 | 1999–2004 | 400 Tonnen pro Jahr, 2.000 Tonnen gesamt |
| CBGA 2 | 2004–2009 | 500 Tonnen pro Jahr, 2.500 Tonnen gesamt |
| CBGA 3 | 2009–2014 | 400 Tonnen pro Jahr, 2.000 Tonnen gesamt |
| CBGA 4 | 2014–2019 | keine feste Obergrenze, Absichtserklärung |
Schon die Ankündigung des ersten Abkommens ließ den Goldpreis deutlich steigen, weil der Markt nun wusste, dass das Angebot aus Zentralbankverkäufen begrenzt war. Im Laufe der Jahre schöpften die Unterzeichner die Obergrenzen immer weniger aus. 2019 wurde das Abkommen nicht verlängert, weil keine der beteiligten Zentralbanken mehr größere Verkäufe plante.
Die Bundesbank: kaum Verkäufe
Die Deutsche Bundesbank hält mit rund 3.350 Tonnen die zweitgrößten Goldreserven der Welt nach den USA. Sie hat in den Jahren der Verkaufswelle kaum Gold abgegeben. Verkauft wurden lediglich kleine Mengen an den Bund für die Prägung von Goldmünzen. Debatten über größere Verkäufe, etwa zur Finanzierung von Haushaltslöchern, gab es zwar, sie wurden aber nicht umgesetzt. Stattdessen holte die Bundesbank bis 2017 einen Teil ihrer im Ausland gelagerten Reserven nach Frankfurt.
Die IWF-Verkäufe 2009–2010
2009 beschloss der IWF, rund 403 Tonnen Gold zu verkaufen, um Mittel für vergünstigte Kredite an arme Länder bereitzustellen. Interessant war, wer kaufte: Indien erwarb 200 Tonnen, weitere Mengen gingen an Sri Lanka, Mauritius und Bangladesch. Der Rest wurde schrittweise am Markt verkauft. Diese Transaktionen markierten bereits den Wandel: Zentralbanken aus Schwellenländern traten als Käufer auf.
Kanada: Ausstieg aus dem Gold
Ein Sonderfall ist Kanada. Das Land verkaufte seine Goldreserven über Jahrzehnte schrittweise und trennte sich 2016 auch von den letzten nennenswerten Beständen. Kanada hält seitdem praktisch keine Goldreserven mehr und setzt auf Devisen und Wertpapiere. Ironischerweise stammt die bekannte Anlagemünze Maple Leaf aus Kanada.
Die große Wende: Zentralbanken als Käufer
Ab etwa 2010 drehte sich das Bild. Zentralbanken wurden in Summe zu Nettokäufern von Gold, und die Käufe nahmen in den folgenden Jahren zu. Gründe:
- Finanzkrise 2008: Das Vertrauen in Banken, Staatsanleihen und Währungen war erschüttert. Mehr dazu im Ratgeber Gold in der Finanzkrise 2008.
- Diversifizierung weg vom Dollar: Schwellenländer wollten ihre Abhängigkeit von Dollarreserven verringern.
- Sanktionsrisiko: Das Einfrieren von Währungsreserven Russlands 2022 zeigte, dass im Ausland gehaltene Devisenreserven politischen Risiken unterliegen. Physisches Gold im eigenen Land ist dagegen schwer zu blockieren.
- Niedrige und negative Zinsen: Wenn Staatsanleihen kaum Zinsen bringen, verliert Gold seinen Nachteil der fehlenden Verzinsung.
Zu den großen Käufern zählen seither unter anderem China, Russland, die Türkei, Indien, Polen und mehrere weitere Schwellenländer. Einen Überblick über die jüngsten Rekordkäufe gibt der Artikel Zentralbanken kaufen Gold in Rekordmengen.
Was Anleger daraus lernen können
- Auch Profis liegen daneben: Die Verkäufe nahe dem Tiefpunkt Ende der 1990er Jahre zeigen, dass selbst Zentralbanken den Goldpreis nicht vorhersagen können.
- Stimmungen drehen sich: Was in einem Jahrzehnt als überholt gilt, kann im nächsten wieder gefragt sein. Gold war in den 1990er Jahren unbeliebt und wurde zwei Jahrzehnte später zum gesuchten Reservewert.
- Angebot und Nachfrage der Zentralbanken zählen: Zentralbanken besitzen zusammen einen großen Teil des oberirdischen Goldes. Ihr Verhalten beeinflusst den Markt spürbar. Wie viel Gold es insgesamt gibt, zeigt der Ratgeber Wie viel Gold gibt es auf der Welt.
- Langfristig denken: Die Länder, die ihre Reserven hielten, profitierten vom späteren Preisanstieg.
Fazit
Zentralbanken waren über Jahrzehnte Nettoverkäufer von Gold. Vom Londoner Goldpool der 1960er Jahre über die IWF- und US-Auktionen der 1970er Jahre bis zur großen Verkaufswelle der 1990er Jahre trennten sich viele Länder von ihren Reserven. Großbritannien verkaufte 1999 bis 2002 nahe dem Tiefpunkt bei rund 275 Dollar je Unze, die Schweiz gab 1.300 Tonnen ab. Das Washingtoner Goldabkommen begrenzte ab 1999 die Verkäufe europäischer Notenbanken. Ab etwa 2010 kam die Wende: Zentralbanken wurden zu Nettokäufern, getrieben von der Finanzkrise, dem Wunsch nach Diversifizierung und politischen Risiken. Den aktuellen Goldpreis finden Sie auf der Seite Goldpreis.




