19 C
Berlin
Montag, September 1, 2025
StartGeschäft und FinanzenAktieGazprom Aktie: Warum der russische Energieriese trotz Sanktionen ein Comeback feiern könnte

Gazprom Aktie: Warum der russische Energieriese trotz Sanktionen ein Comeback feiern könnte

Die Gazprom Aktie (GAZP) polarisiert wie kaum ein anderes Investment. Während westliche Anleger sie meiden, entdecken russische Marktbeobachter und mutige Contrarian-Investoren enorme Chancen. Aus meiner Sicht wird das Papier aktuell regelrecht übersehen – dabei bietet der Blick auf Gazproms Zahlen und Strategien einige der spannendsten Argumente für ein langfristiges Investment im Energiesektor.

Bereits der aktuelle Kurs von rund 136 Rubel spricht Bände, wenn man sich die Fundamentaldaten vor Augen führt. Das Unternehmen handelt mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von lediglich 2,77 und hat mit mehr als 3 Billionen Rubel Marktkapitalisierung enormes Gewicht auf dem russischen Markt. Der Buchwert je Aktie liegt bei fast 736 Rubel und der Abstand zum aktuellen Kurs verdeutlicht, dass hier Substanz vorhanden ist. Zwar ist die Dividendenrendite zur Zeit ausgesetzt, historisch jedoch war Gazprom immer für großzügige Ausschüttungen bekannt – ein Signal dafür, dass die Substanz in besseren Zeiten durchaus wieder beim Anleger ankommen kann.

Anders als viele glauben, ist Gazprom mehr als nur ein Opfer internationaler Sanktionen. Die geopolitische Realität ist deutlich komplexer. Obwohl die europäischen Regierungen ihre Abhängigkeit von russischer Energie öffentlich kritisieren und politischen Druck aufbauen, zeigt die Statistik ein anderes Bild: Auch im Jahr 2025 floss viel Geld – 4,5 Milliarden Euro – für russisches LNG nach Europa. Pipeline-Exporte mögen gefallen sein, doch Gas aus Russland bleibt für viele Länder unverzichtbar. Besonders durch die TurkStream-Pipeline werden etwa Südosteuropa und Staaten wie die Slowakei weiterhin mit Gas beliefert. Hinter den Kulissen sieht es also keineswegs nach einem kompletten Bruch aus, vielmehr bleibt der Einfluss von Gazprom enorm.

Während im Westen Debatten über Abkopplung geführt werden, wächst im Osten ein neuer Markt heran, der den Ausfall von Exporten nach Europa teilweise kompensieren könnte. Russland und China verhandeln aktuell über große Gaslieferungen, die für Gazprom ein neues Zeitalter einläuten könnten. Der Bau der „Power of Siberia 2“-Pipeline wird als echte Wachstums-Chance gehandelt, denn sie soll russisches Gas im großen Stil nach China liefern. Der asiatische Markt bietet Stabilität und Hunger nach Energie – und Gazprom hat die passenden Vorkommen direkt vor der Haustür.

Viele westliche Analysten tun Gazprom und seine Aktie als reines Politikum ab. Dabei spricht aus fundamentaler Sicht vieles für das Unternehmen. Das niedrige Bewertungsniveau (KGV 2,77, KBV 0,27) bietet trotz aller politischen Unsicherheiten einen echten Risikopuffer – ein Aspekt, den Value-Investoren immer zu schätzen wissen. Gazprom ist mehr als ein Konzern, er ist ein Monopolist mit Kontrolle über das russische Pipelinenetz und mit den größten Gasreserven der Welt ausgestattet. Gerade diese Stellung macht das Unternehmen in einer immer volatileren Welt noch bedeutender.

Die Unsicherheiten, die aus Sanktionen und geopolitischen Risiken erwachsen, sind nicht zu übersehen. Aber sie sind in den Preis längst eingepreist. Das zeigen die enormen Abschläge im Vergleich zu Wettbewerbern wie Shell, ExxonMobil oder TotalEnergies: Während die westlichen Energiegiganten mit KGVs von 12 bis 14 bewertet werden, ist Gazprom fast ein Schnäppchen.

Ein Blick auf den Chart: In den letzten 52 Wochen schwankte der Kurs der Aktie zwischen gut 105 und 185 Rubel, aktuell rangiert er im unteren Drittel. Das spricht eher für eine Bodenbildung als für einen weiteren dramatischen Abverkauf. Das rege Handelsvolumen auf dem russischen Markt deutet zudem darauf hin, dass die Aktie bei lokalen Investoren noch immer begehrt ist. Der Markt kennt die Risiken, aber auch die Chancen.

Ein wichtiges Thema bei Gazprom ist immer die Dividende. Seit Ausbruch der aktuellen Krisenlage wurde sie ausgesetzt, doch das war bei Gazprom nie von Dauer. Historisch betrachtet waren Dividendenrenditen von 8 bis 12 Prozent keine Seltenheit. Meine persönliche Erwartung: Spätestens ab 2026, wenn sich geopolitische Turbulenzen gelegt haben und wichtige Exportspuren nach Asien gesichert sind, wird Gazprom wieder Ausschüttungen vornehmen. Das dürfte der Aktie einen zusätzlichen Schub geben.

Der Konzern befindet sich ohnehin in einem tiefgreifenden Transformationsprozess: War das Unternehmen über Jahrzehnte auf Europa fokussiert, treiben politische und wirtschaftliche Veränderungen nun eine strategische Neuausrichtung an. China steht mit gewaltigem Potenzial im Zentrum der neuen Strategie, aber auch Indien und die Türkei werden immer wichtiger. Die gezielte Diversifizierung erlaubt es, geopolitische Risiken besser abzufedern und mittelfristig zu wachsen. Wer Gazprom heute kauft, setzt also auf einen eurasischen Energiechampion – nicht mehr nur auf einen Gaslieferanten für die EU.

Natürlich gibt es auch Gegenwind. Die sogenannte ESG-Problematik belastet das Unternehmen vor allem auf dem internationalen Parkett: Nachhaltigkeitsfonds und institutionelle Investoren meiden russische Titel und insbesondere fossile Energieunternehmen zunehmend. Doch diese Entwicklung führt eben auch dazu, dass der Bewertungsabschlag weiter wächst – und dass antizyklische Anleger gerade deshalb Chancen erkennen können. Gas bleibt im Energiemix eine realistische Brückentechnologie, gerade auch im Zusammenhang mit der internationalen Wasserstoffstrategie und neuen Möglichkeiten zur CO2-Abscheidung. Wer sich mit den mittelfristigen Energie-Trends befasst, kann nicht umhin, Gazproms Bedeutung auch für die Dekarbonisierung und als Partner für saubere Gasinfrastruktur anzuerkennen.

Ein nicht zu unterschätzender Aspekt ist die eklatante Diskrepanz zwischen westlicher Wahrnehmung und Realität vor Ort. Westliche Investmenthäuser sehen bei der Gazprom Aktie fast reflexartig einen hohen Risikoabschlag – oft sind es emotionale Reaktionen auf politische Schlagzeilen. Das führt dazu, dass die Substanz des Unternehmens am Markt fast ignoriert wird. Für Anleger, die bereit sind, sich mit den Fakten auseinanderzusetzen, bietet sich gerade in solchen Marktphasen eine echte Contrarian-Chance: Wenn sich das politische Klima verbessert und Sanktionen gelockert werden, könnte die Gazprom Aktie in kurzer Zeit erheblich nach oben angepasst werden.

Für viele Anleger in Deutschland bleibt ein direkter Zugang zur Aktie momentan schwierig. ADRs sind ausgesetzt, russische Broker für Ausländer kaum eine Option. Wer dennoch investieren möchte, kann zumindest indirekt über Rohstoff-ETFs ein Engagement aufbauen oder auf künftige Änderungen des Handelsumfelds setzen. Natürlich bleibt jedes Investment in Gazprom hochspekulativ. Ich rate dazu, solche Werte mit einer überschaubaren Depotgewichtung (zum Beispiel fünf Prozent oder weniger) und einem langen Atem zu halten. Wer investiert, sollte das als Wette auf Normalisierung verstehen – das Risiko des Totalverlusts bleibt. Das Upside-Potenzial im Falle einer geopolitischen Entspannung ist dagegen enorm.

Je nach Verlauf der Weltpolitik zeigen sich für Gazprom verschiedene Szenarien. Im wahrscheinlichsten Fall, einer Fortsetzung der aktuellen Situation, könnte sich die Aktie langsam erholen, während das Unternehmen neue Absatzwege in Asien erschließt. Kommt es zu einer teilweisen Aufhebung der Sanktionen, wäre sogar eine Kursverdopplung möglich. Bleibt die Lage extrem angespannt, muss mit Rückschlägen gerechnet werden. Doch Anleger, die Mut und Weitblick beweisen, könnten eine der spannendsten Rebound-Chancen Europas erleben.

So bleibt mein Fazit: Die Gazprom Aktie ist heute kein klassischer Dividendenwert mehr, sondern ein spekulatives Investment mit außergewöhnlich asymmetrischem Chance-Risiko-Profil. Wer über einen langen Zeitraum denkt und kurzfristige Schwankungen aushält, könnte hier eines der interessantesten Value-Investments der kommenden Jahre finden – oder am Ende mit leeren Händen dastehen. Klar ist: Es handelt sich um eine Wette für risikofreudige Anleger mit Geduld, Mut und einer Portion Contrarian-Denken.

DutchBullion Verlagsteam
DutchBullion Verlagsteamhttps://dutchbullion.de
Bei DutchBullion sind wir ein leidenschaftliches Team aus Autoren, Analysten und Alltagsbeobachtern, das sich dafür einsetzt, scharfsinnige, unabhängige Perspektiven auf aktuelle Nachrichten, Rezensionen und kulturelle Kommentare zu liefern. Von unserem Standort in Deutschland aus ist es unsere Mission, den Lärm zu durchbrechen und ehrliche, gut recherchierte Inhalte anzubieten, die unsere Leser informieren, herausfordern und inspirieren. Ob aktuelle Ereignisse, Technologietrends, Lifestyle-Einblicke oder Meinungsbeiträge – wir legen Wert darauf, dass unsere Berichterstattung relevant, durchdacht und stets leserorientiert ist.
Ähnliche Artikel

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

- Advertisment -

Am beliebtesten