Kaum ein Anlagethema wird so oft mit Iridium verknüpft wie grüner Wasserstoff. Die Rechnung klingt bestechend: Ein Gigawatt PEM-Elektrolyse benötigt heute rund 400 Kilogramm Iridium, das Weltjahresangebot beträgt nur etwa acht Tonnen. Wer die These ernsthaft prüfen will, muss allerdings auch die Gegenkräfte kennen – und die sind erheblich.

Warum Iridium in der PEM-Elektrolyse gebraucht wird

Bei der Wasserelektrolyse wird Wasser mithilfe elektrischen Stroms in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt. Die PEM-Elektrolyse (Proton Exchange Membrane) arbeitet dabei mit einer sauren Polymermembran. Sie gilt als besonders geeignet für den Betrieb mit schwankendem Strom aus Wind- und Solaranlagen, weil sie schnell hoch- und heruntergefahren werden kann und in Teillast gut arbeitet.

Genau diese saure Umgebung ist das Problem, das Iridium löst. An der Anode, wo Sauerstoff entsteht, herrschen Bedingungen, unter denen fast jedes Material korrodiert: hohes Potenzial, saures Milieu, entstehender Sauerstoff. Iridiumoxid ist praktisch das einzige bekannte Material, das dort über Jahre hinweg zugleich katalytisch aktiv und chemisch stabil bleibt. Es ist damit kein Kostenoptimum, sondern eine technische Notwendigkeit – und das ist der Kern des Anlagearguments.

Zur Einordnung: Andere Elektrolyseverfahren kommen ohne Iridium aus. Die alkalische Elektrolyse, die ältere und günstigere Technologie, arbeitet mit Nickelkatalysatoren. Der Iridiumbedarf hängt also nicht am Wasserstoffausbau insgesamt, sondern speziell am Anteil der PEM-Technologie daran.

Die Mengenrechnung

Analysen des World Platinum Investment Council nennen für heutige PEM-Anlagen eine Iridiumbeladung von rund 400 Kilogramm je Gigawatt installierter Kapazität. Daraus ergibt sich eine viel zitierte Zahl: Allein die für 2030 geplante Inbetriebnahme von etwa 20 Gigawatt PEM-Kapazität würde rund 250.000 Unzen Iridium erfordern – also praktisch das gesamte heutige Weltjahresangebot.

GrößeWert
Weltjahresangebot Iridiumrund 250.000 Unzen (ca. 8 t)
Iridiumbeladung heuterund 400 kg je Gigawatt
Zielwert langfristigRichtung 30 kg je Gigawatt bis 2050
Bedarf bei 20 GW PEM in 2030rund 250.000 Unzen
Lebensdauer eines Elektrolyseurs7 bis 10 Jahre

Isoliert betrachtet wirkt diese Rechnung wie ein zwingendes Kaufargument. Sie ist aber nur die halbe Geschichte – und die andere Hälfte stammt aus derselben Analyse.

Die drei Gegenkräfte

Substitution in klassischen Anwendungen

Hohe Iridiumpreise wirken auf die bestehenden Abnehmer. In Zündkerzen und in Teilen der Elektronik lässt sich Iridium durch andere Materialien ersetzen, teils mit Abstrichen bei der Lebensdauer, die die Hersteller bei entsprechendem Preisunterschied aber in Kauf nehmen. Der World Platinum Investment Council schätzt, dass bis 2030 rund ein Fünftel der bisherigen Nachfrage auf diesem Weg freigesetzt werden könnte – etwa 45.000 Unzen jährlich.

Dieses Metall verschwindet nicht, es wechselt lediglich den Verwendungszweck. Für die Elektrolyse-Rechnung bedeutet das: Ein erheblicher Teil des zusätzlichen Bedarfs kann aus dem bestehenden Verbrauch gedeckt werden, ohne dass ein Gramm zusätzlich gefördert werden müsste.

Thrifting: weniger Metall je Anlage

Die wichtigste und am meisten unterschätzte Gegenkraft. Die Katalysatorentwicklung arbeitet mit Hochdruck daran, die Iridiumbeladung je Gigawatt zu senken – durch feinere Verteilung des Metalls, durch Trägerstrukturen, die die aktive Oberfläche vergrößern, und durch Mischkatalysatoren. Als Zielkorridor wird ein Rückgang von heute rund 400 Kilogramm je Gigawatt in Richtung 30 Kilogramm je Gigawatt bis 2050 genannt.

Für Anleger ist entscheidend, dass dieser Effekt nicht rückgängig gemacht wird. Ist eine Beladung einmal gesenkt und die Standzeit im Feld nachgewiesen, kehrt kein Hersteller zur alten Rezeptur zurück, selbst wenn der Preis später fällt. Jede Hochpreisphase beschleunigt diese Entwicklung zusätzlich – der Markt sät gewissermaßen die Ursache seiner eigenen künftigen Entspannung.

Recycling aus Elektrolyseuren

Ein PEM-Elektrolyseur hat eine Lebensdauer von etwa sieben bis zehn Jahren. Das darin gebundene Iridium ist danach nicht verbraucht, sondern liegt konzentriert und in bekannter Menge in einer klar identifizierbaren Anlage vor – ideale Bedingungen für die Rückgewinnung. Anders als bei Elektronikschrott, wo das Metall in Milligrammmengen über Millionen Geräte verteilt ist, sind Betreiber und Raffinerie hier über Verträge verbunden.

Ab etwa 2030 dürfte daraus ein spürbarer Sekundärstrom entstehen. Das bedeutet nicht, dass die Nachfrage verschwindet – die installierte Basis wächst ja weiter –, aber der Zubau muss dann nicht mehr vollständig aus Primärmaterial gedeckt werden.

Was das für die Anlagethese bedeutet

Die genannte Analyse kommt zu dem Schluss, dass Substitution, Thrifting und Recycling zusammen ausreichen, um den Markt trotz des Elektrolyse-Ausbaus im Gleichgewicht zu halten. Das ist eine Einschätzung, keine Gewissheit – aber es ist eine fundierte Gegenposition zu der verbreiteten Erzählung von der unausweichlichen Verknappung.

Für Anleger folgt daraus eine differenzierte Sicht. Die Wasserstoffnachfrage ist ein reales, strukturelles Argument für Iridium – aber sie ist kein Automatismus, der steigende Preise garantiert. Entscheidend ist das Tempoverhältnis zwischen zwei Entwicklungen: dem Ausbau der PEM-Kapazität einerseits und dem Rückgang der Beladung je Gigawatt andererseits. Verläuft der Ausbau schneller als die Effizienzgewinne, entsteht Knappheit. Verläuft er langsamer als geplant – was bei Infrastrukturprojekten die Regel und nicht die Ausnahme ist –, während die Katalysatorentwicklung ihre Ziele erreicht, bleibt der Markt entspannt.

Wer Iridium ausschließlich als Wasserstoffwette kauft, sollte sich dieser Unsicherheit bewusst sein. Als eines von mehreren Argumenten – neben der Angebotskonzentration, der Nichtersetzbarkeit in Tiegeln und Elektroden und dem winzigen Marktvolumen – ist das Thema dagegen tragfähig.

Woran Sie die Entwicklung erkennen

  • Tatsächlich in Betrieb genommene PEM-Kapazität, nicht angekündigte Projekte. Die Lücke zwischen Ankündigung und Inbetriebnahme ist in dieser Branche traditionell groß.
  • Angaben zur Iridiumbeladung neuer Katalysatorgenerationen in Fachpublikationen und Herstellermitteilungen.
  • Der Technologiemix zwischen PEM und alkalischer Elektrolyse bei neuen Projekten – nur der PEM-Anteil ist für Iridium relevant.
  • Meldungen über Substitution in Zündkerzen und Elektronik, die Material freisetzen.
  • Erste Recyclingmengen aus ausgemusterten Elektrolyseuren, erwartet ab etwa 2030.

Häufige Fragen

Kann Iridium in der PEM-Elektrolyse ersetzt werden?

Nach heutigem Stand nicht vollständig. An der Anode gibt es kein Material, das unter den dortigen Bedingungen vergleichbar aktiv und zugleich über Jahre stabil ist. Die Forschung arbeitet daran, den Einsatz zu reduzieren – ein vollständiger Ersatz ist derzeit nicht in Sicht, aber langfristig auch nicht auszuschließen.

Braucht jede Wasserstoffanlage Iridium?

Nein. Die alkalische Elektrolyse arbeitet mit Nickelkatalysatoren und benötigt kein Iridium. Nur der PEM-Anteil am Ausbau ist für den Iridiummarkt relevant.

Ist Iridium damit ein Investment in die Energiewende?

Teilweise. Die Elektrolyse ist ein Nachfragefaktor unter mehreren; Tiegel für die Kristallzucht, Elektroden und Elektronik machen weiterhin einen erheblichen Teil des Verbrauchs aus. Ein reines Energiewende-Investment ist Iridium nicht.

Warum reagiert der Preis nicht stärker auf Wasserstoff-Nachrichten?

Weil der Markt zwischen Ankündigungen und tatsächlicher Metallabnahme unterscheidet. Erst wenn Anlagen gebaut und Katalysatoren bestellt werden, entsteht physische Nachfrage – und bis dahin vergehen von der Projektankündigung an oft Jahre.

Fazit

Die Wasserstoffthese für Iridium ist besser begründet als die meisten Rohstofferzählungen: Das Metall erfüllt in der PEM-Elektrolyse eine Funktion, für die es derzeit keinen Ersatz gibt, in einem Markt von nur acht Tonnen jährlich. Sie ist aber kein Selbstläufer. Substitution, sinkende Beladung je Anlage und Recycling wirken systematisch dagegen. Wer Iridium mit diesem Argument kauft, sollte beide Seiten kennen und die Position entsprechend dimensionieren.

Warum die Beladung sinkt – und was das technisch bedeutet

Der Weg von 400 auf perspektivisch deutlich unter 100 Kilogramm Iridium je Gigawatt klingt nach einem Versprechen, das leicht gebrochen werden könnte. Tatsächlich beruht er auf mehreren voneinander unabhängigen Ansätzen, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass zumindest ein Teil davon Realität wird.

Der erste Ansatz ist die Vergrößerung der aktiven Oberfläche. Nur die äußerste Atomlage eines Katalysatorpartikels nimmt an der Reaktion teil; alles darunter ist totes Gewicht. Je feiner das Iridiumoxid verteilt wird, desto mehr Katalyse erhält man aus derselben Masse. Der zweite Ansatz sind Trägerstrukturen: Das teure Metall wird als dünne Schicht auf ein günstiges, leitfähiges und korrosionsstabiles Trägermaterial aufgebracht, statt als massives Pulver eingesetzt zu werden. Der dritte Ansatz sind Mischoxide, in denen ein Teil des Iridiums durch andere Elemente ersetzt wird, ohne die Stabilität zu verlieren.

Alle drei stoßen an dieselbe Grenze: Standzeit. Ein Elektrolyseur muss viele Jahre laufen, und jede Reduktion des Katalysatormaterials verkürzt tendenziell die Lebensdauer. Die Fortschritte sind deshalb real, aber langsamer, als Ankündigungen vermuten lassen – ein Punkt, der die Anlagethese eher stützt als schwächt.

Der Vergleich mit Platin in der Brennstoffzelle

Ein hilfreicher historischer Maßstab ist die Entwicklung des Platinbedarfs in Brennstoffzellen. Auch dort galt vor Jahren die Sorge, der Edelmetallbedarf könne den Hochlauf begrenzen. Tatsächlich sank die Platinbeladung je Kilowatt über die Jahre erheblich, und der befürchtete Engpass trat nicht ein.

Für Iridium bedeutet dieser Vergleich zweierlei. Erstens: Die Erwartung, dass Beladungen deutlich sinken, ist nicht bloß Marketing, sondern in ähnlichen Systemen bereits eingetreten. Zweitens: Der Prozess dauerte in der Brennstoffzelle über ein Jahrzehnt, und in der Zwischenzeit gab es sehr wohl Phasen spürbarer Anspannung. Genau in solchen Übergangsphasen entstehen die Preisbewegungen, auf die Anleger setzen – und genau deshalb ist der Zeithorizont bei dieser Anlage so wichtig.

Zwei Szenarien

Szenario Knappheit: Der PEM-Ausbau verläuft nahe an den Plänen, die Katalysatorentwicklung erreicht ihre Beladungsziele nur teilweise, und die Substitution in Zündkerzen und Elektronik setzt langsamer ein als erwartet. In diesem Fall trifft eine stark wachsende Nachfrage auf ein Angebot, das sich per Konstruktion nicht ausweiten lässt. Die Folge wären deutliche Preisanstiege mit anschließend hohem Niveau.

Szenario Entspannung: Der Ausbau verzögert sich – wie bei Infrastrukturprojekten üblich –, ein größerer Teil entfällt auf alkalische Elektrolyse, die Beladung je Gigawatt sinkt planmäßig, und Substitution setzt Material frei. Dann bleibt der Markt ausgeglichen, und der Preis bewegt sich seitwärts oder gibt nach.

Beide Szenarien sind plausibel, und keines lässt sich heute mit Zuversicht ausschließen. Genau darin liegt die praktische Konsequenz für die Positionsgröße: Eine Anlage, deren Ausgang so offen ist, gehört in eine Größenordnung, die auch im ungünstigen Fall keine Umstellung erzwingt.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung dar. Mengen- und Prognoseangaben stammen aus öffentlich verfügbaren Marktanalysen und sind mit erheblicher Unsicherheit behaftet.