
Der jüngste Absturz von Bitcoin unter die psychologisch wichtige Marke von 90.000 US-Dollar hat an den globalen Finanzmärkten Schockwellen ausgelöst. Doch während kurzfristige Anleger in Panik geraten, sehen erfahrene Analysten ein komplexes Zusammenspiel aus makroökonomischem Druck, On-Chain-Daten und einer längst überfälligen Marktkonsolidierung.
Dieser Bericht analysiert die zugrunde liegenden Faktoren des Preisverfalls, beleuchtet die breiteren Zusammenhänge und bietet einen Ausblick auf die mögliche zukünftige Entwicklung der führenden Kryptowährung.
Das Wichtigste in Kürze (Analyst’s Take):
- Kernereignis: Bitcoin fiel kurzzeitig unter 89.000 US-Dollar, was massive Liquidationen von Hebelpositionen im Wert von über 1 Milliarde US-Dollar auslöste und den Markt in einen Zustand der “Angst” versetzte.
- Warum es wichtig ist: On-Chain-Daten von CryptoQuant zeigen, dass Investoren erstmals seit Oktober 2023 wieder Nettoverluste realisieren. Dieses Muster ähnelt dem Übergang vom Bullen- zum Bärenmarkt 2021/2022 und signalisiert eine mögliche Trendwende.
- Ausblick: Während einige Analysten eine weitere Korrektur in Richtung 85.000 US-Dollar oder sogar darunter für möglich halten, sehen andere die aktuelle Volatilität als eine gesunde Konsolidierung, bevor institutionelle Kapitalflüsse den nächsten Aufwärtstrend einleiten. Geopolitische Spannungen und die Politik der Zentralbanken bleiben die entscheidenden Variablen für das kommende Quartal.
Die Fakten: Mehr als nur ein Preisverfall
Am späten Dienstagabend durchbrach der Bitcoin-Kurs die kritische Unterstützung bei 90.000 US-Dollar und fiel zeitweise auf Tiefststände um 88.400 US-Dollar. Der Ausverkauf war nicht auf den Kryptomarkt beschränkt, sondern spiegelte eine breitere Risikoaversion wider, die auch traditionelle Märkte wie den S&P 500 und den Nasdaq erfasste, die beide ihre schlechtesten Handelstage seit Monaten verzeichneten.
Die unmittelbare Folge am Kryptomarkt war verheerend für spekulativ ausgerichtete Händler. Daten von CoinGlass zeigen, dass über 1,09 Milliarden US-Dollar an gehebelten Positionen liquidiert wurden, wobei fast 92 % davon Long-Wetten waren – ein klares Indiz dafür, dass der Markt von einem weiteren Anstieg ausgegangen war. Allein die größte einzelne Liquidation auf der Börse Bitget belief sich auf eine BTC-Position im Wert von 13,52 Millionen US-Dollar.
Doch die Preisbewegung allein erzählt nur die halbe Geschichte. On-Chain-Analysen von CryptoQuant enthüllen eine beunruhigende Entwicklung unter der Oberfläche. Erstmals seit dem Beginn des letzten Aufwärtstrends im Oktober 2023 hat sich das Anlegerverhalten gedreht: Statt Gewinne zu realisieren, verkaufen Investoren nun mit Verlust. Seit Ende Dezember 2025 wurden Nettoverluste von bis zu 69.000 BTC realisiert. Dieses Phänomen, von CryptoQuant als “Regimewechsel” bezeichnet, deutet auf eine nachlassende Stärke des Marktes hin. Die realisierten Gewinne haben seit Anfang 2024 kontinuierlich niedrigere Hochs gebildet, ein klassisches Warnsignal für Analysten. Parallel dazu stürzte der “Fear & Greed Index”, ein wichtiger Stimmungsindikator, von einem “gierigen” Wert von 61 auf ängstliche 31 ab.
Der größere Zusammenhang: Geopolitik und zitternde Anleihemärkte
Der Ausverkauf bei Bitcoin fand nicht in einem Vakuum statt. Das Epizentrum der globalen Marktunruhen lag in Japan, wo ein massiver Abverkauf japanischer Staatsanleihen (JGBs) deren Renditen auf den höchsten Stand seit Jahren trieb. Analysten wie Arthur Hayes, Mitbegründer von BitMEX, warnten vor den weitreichenden Folgen und erklärten, dass die Märkte sich auf einen schmerzhaften “Risk-Off”-Handel vorbereiten, bei dem Investoren aus risikoreicheren Anlagen wie Technologieaktien und Kryptowährungen fliehen.
Diese Entwicklung wurde durch die “Sell America”-Stimmung verstärkt, die von Vincent Liu, CIO bei Kronos Research, beschrieben wurde. Fallende US-Aktien, ein schwächerer Dollar und sinkende US-Staatsanleihen bildeten das perfekte Umfeld für einen Ausverkauf bei Bitcoin. Gleichzeitig sorgten erneute Zollandrohungen der US-Regierung gegenüber Europa für zusätzliche Unsicherheit.
In diesem unsicheren Umfeld zeigte Gold seine klassische Stärke als “sicherer Hafen” und stieg auf über 4.750 US-Dollar pro Unze. Die Divergenz zwischen Gold und Bitcoin wirft die Frage auf, ob Bitcoin seine Rolle als “digitales Gold” in Zeiten echter makroökonomischer Krisen bereits gefestigt hat. Die Antwort scheint derzeit “Nein” zu lauten. Während Gold von der Flucht in Sicherheit profitierte, wurde Bitcoin zusammen mit anderen Risikoanlagen abgestoßen.
Expertenausblick: Konsolidierung oder Krypto-Winter 2.0?
Die Meinungen der Experten über die nächsten Schritte von Bitcoin gehen weit auseinander, was die aktuelle Unsicherheit des Marktes widerspiegelt.
Die Bären:
Der erfahrene Trader Peter Brandt schockierte den Markt mit der Prognose, dass Bitcoin innerhalb von nur zwei Wochen auf einen Korridor zwischen 58.000 und 62.000 US-Dollar fallen könnte. Während dies extrem erscheinen mag, untermauern Optionsdaten von CoinDesk diese pessimistische Sichtweise teilweise: Sie deuten auf eine 30-prozentige Wahrscheinlichkeit hin, dass der Kurs bis Ende Juni unter 80.000 US-Dollar fällt. Die unmittelbare Unterstützungszone liegt zwischen 87.000 und 88.000 US-Dollar. Ein nachhaltiger Bruch dieser Marke könnte den Weg in Richtung 85.000 US-Dollar und tiefer ebnen.
Die Bullen:
Auf der anderen Seite sehen Analysten wie Sidney Powell, CEO von Maple Finance, die aktuelle Korrektur als vorübergehend an. Er hält an einem Kursziel von 175.000 US-Dollar für das Jahr 2026 fest und verweist auf potenzielle Zinssenkungen und eine zunehmende institutionelle Akzeptanz. Auch Standard Chartered prognostiziert einen Kurs von 150.000 US-Dollar, betont aber, dass zukünftige Preissteigerungen fast ausschließlich von Käufen durch Bitcoin-ETFs getragen werden dürften, da die Phase der massiven Käufe durch Digital-Asset-Treasury-Unternehmen (DATs) vorbei sei.
Eine wichtige Kennzahl, die bullische Investoren im Auge behalten, ist der Zufluss in Spot-Bitcoin-ETFs. Obwohl die jüngsten Abflüsse den Verkaufsdruck verstärkt haben, glauben viele, dass die schrittweise Allokation durch institutionelle Anleger eine stabilisierende Kraft sein wird. Cathie Wood von Ark Invest nutzte den jüngsten Einbruch bereits und kaufte Krypto-Unternehmensanteile im Wert von 21,5 Millionen US-Dollar, was ihr langfristiges Vertrauen in den Sektor unterstreicht.
Letztendlich hängt die zukünftige Entwicklung von Bitcoin von der Auflösung der aktuellen makroökonomischen und geopolitischen Spannungen ab. Die bevorstehende vorgezogene Wahl in Japan am 8. Februar und die Zinsentscheidungen der US-Notenbank werden entscheidende Wegweiser sein. Für Investoren bedeutet dies, dass die hohe Volatilität anhalten wird. Die Frage ist nicht mehr, ob der Markt eine Korrektur durchläuft, sondern wie tief diese ausfällt und ob sie die Grundlage für den nächsten nachhaltigen Aufwärtstrend legt oder den Beginn eines längeren Krypto-Winters markiert.

