Wenn Silizium zur politischen Waffe wird
Es ist ein Kampf, der meist im Verborgenen stattfindet, in Vorstandsetagen und Ministerien, weit weg von den Schlagzeilen der Boulevardpresse. Doch das, was sich zwischen China, den Niederlanden und dem in Nijmegen ansässigen Chiphersteller Nexperia abspielt, ist mehr als nur ein Wirtschaftskrimi. Es ist ein Symptom einer neuen Weltordnung, in der Technologie nicht mehr nur Handelsgut, sondern ein entscheidendes Instrument nationaler Sicherheit ist.
Lange Zeit galt Nexperia, das aus der Standardprodukte-Sparte von NXP hervorging, als Musterbeispiel für einen global agierenden, effizienten Chiphersteller. Unverzichtbar für die Automobilindustrie, zuverlässig, technologisch solide – wenn auch nicht im High-End-Bereich der Nanometer-Rennen tätig. Doch seit der Übernahme durch den chinesischen Konzern Wingtech Technology hat sich der Wind gedreht. Was einst als wirtschaftliche Chance für chinesisches Kapital in Europa gesehen wurde, wird heute in Den Haag und Berlin zunehmend als trojanisches Pferd betrachtet.
Dieser Artikel analysiert nicht nur die Faktenlage, sondern bewertet kritisch, warum der Fall Nexperia ein Weckruf für Europa sein muss. Wir stehen an einem Scheideweg: Wollen wir offene Märkte um jeden Preis, oder müssen wir unsere technologische Infrastruktur vor dem Zugriff systemischer Rivalen schützen? Die Antwort ist komplex, und sie tut weh.
Der Status Quo: Nexperia im Fadenkreuz der Geopolitik
Um die Brisanz zu verstehen, muss man die Bedeutung von Nexperia richtig einordnen. Das Unternehmen produziert keine Hochleistungsprozessoren für KI-Server, sondern sogenannte “Commodity Chips” – Dioden, Transistoren, MOSFETs. Diese Bauteile sind das Brot und die Butter der Elektronik. Ohne sie fährt kein modernes Auto, lädt kein Smartphone und funktioniert keine Waschmaschine.
Die Bedeutung der “Basis-Chips”
Oft fokussiert sich die politische Debatte auf High-End-Chips, wie sie von ASML-Maschinen ermöglicht werden. Doch die Halbleiterindustrie ist eine Pyramide. Die Spitze ist schmal und teuer, aber die Basis ist riesig. Genau hier ist Nexperia ein Weltmarktführer.
- Produktionsvolumen: Milliarden von Bauteilen jährlich.
- Abhängigkeit: Die europäische Automobilindustrie (VW, BMW, Mercedes) ist massiv auf diese Basis-Komponenten angewiesen.
- Strategischer Wert: Ein Lieferstopp oder eine politische Instrumentalisierung dieser “einfachen” Chips könnte die europäische Industrieproduktion ebenso effektiv lahmlegen wie ein Mangel an High-End-Prozessoren.
Die niederländische Regierung, lange Zeit Verfechterin des Freihandels, hat ihre Haltung radikal geändert. Unter dem Druck der USA, aber auch aus eigener strategischer Einsicht, werden chinesische Investitionen nun mit Argusaugen betrachtet. Der Fall Nexperia ist hierbei der Lackmustest.
Die chinesische Strategie: Wingtech und der lange Arm Pekings
Die Übernahme von Nexperia durch Wingtech Technology war kein Zufall, sondern Teil einer langfristigen Strategie Chinas, technologische Autonomie zu erlangen und gleichzeitig Zugriff auf westliches Know-how und Märkte zu sichern. Wingtech ist eng in das chinesische Technologie-Ökosystem eingebunden.
Eigentümerstrukturen und Einflussnahme
Kritiker werfen der chinesischen Regierung vor, über Unternehmen wie Wingtech direkten Einfluss auf europäische Assets zu nehmen. Es geht dabei nicht immer um Spionage im klassischen Sinne. Vielmehr geht es um:
- Technologietransfer: Das Abziehen von Know-how nach China.
- Strategische Kontrolle: Entscheidungen über Investitionen, Standortverlagerungen und Produktionskapazitäten werden nicht mehr in Nijmegen oder Hamburg, sondern in China getroffen.
- Politische Hebelwirkung: Die Möglichkeit, Lieferketten als Druckmittel in diplomatischen Konflikten einzusetzen.
Es gibt Berichte über eine veränderte Unternehmenskultur bei Nexperia seit der Übernahme. Langjährige Mitarbeiter klagen über weniger Transparenz und eine Verlagerung von Entscheidungskompetenzen. Dies nährt die Sorge, dass Nexperia langsam aber sicher “ausgehöhlt” werden könnte, während das wertvolle geistige Eigentum nach Osten wandert.
Der niederländische Widerstand: “Micky Adriaansens” und die neue Härte
Die niederländische Wirtschaftsministerin Micky Adriaansens steht symbolisch für den Kurswechsel. Die Niederlande haben erkannt, dass wirtschaftliche Abhängigkeit von China ein Sicherheitsrisiko darstellt. Dies zeigt sich besonders deutlich im Streit um die Übernahme des Delfter Start-ups Nowi durch Nexperia.
Der Fall Nowi als Präzedenzfall
Nexperia wollte Nowi, einen Spezialisten für Energy-Harvesting-Chips, übernehmen. Technologisch gesehen ein logischer Schritt. Doch die niederländische Regierung intervenierte und prüfte den Deal monatelang unter dem neuen Gesetz zur Sicherheitsüberprüfung von Investitionen, Fusionen und Übernahmen (Vifo).
Obwohl der Deal letztlich genehmigt wurde – wohl auch, weil Nowis Technologie (noch) nicht als kritisch genug eingestuft wurde, um die nationale Sicherheit akut zu gefährden – war das Signal deutlich: Kein “Business as usual” mehr.
Die Regierung in Den Haag steht unter massivem Druck. Einerseits wollen sie die Niederlande als offenen Investitionsstandort erhalten. Andererseits müssen sie verhindern, dass Schlüsseltechnologien abwandern. Es ist ein Tanz auf dem Drahtseil.
Deutschland und der Standort Hamburg: Zwischen Angst und Hoffnung
Nexperia betreibt in Hamburg-Lokstedt eine der wichtigsten Wafer-Fabs in Deutschland. Über 1.600 Mitarbeiter fertigen dort Halbleiter. Für Deutschland ist die Situation besonders delikat.
| Aspekt | Risiko | Chance |
|---|---|---|
| Arbeitsplätze | Verlagerung der Produktion nach China langfristig möglich. | Chinesisches Kapital sichert kurzfristig den Standort und Modernisierung. |
| Subventionen | Sollen deutsche Steuergelder (z.B. über den Chips Act) an ein chinesisch kontrolliertes Unternehmen fließen? | Förderung stärkt die lokale Produktion, unabhängig vom Eigentümer. |
| Sicherheit | Abhängigkeit der deutschen Autoindustrie von einem chinesischen Konzern. | Nexperia ist “too big to fail” für die lokale Lieferkette; Entflechtung kaum möglich. |
Die Bundesregierung hat Nexperia bereits Subventionen verweigert bzw. aus Förderprogrammen gestrichen, aus Sorge vor dem chinesischen Einfluss. Dies ist ein zweischneidiges Schwert. Ohne Förderung könnte Wingtech entscheiden, Investitionen lieber in China zu tätigen, was den Standort Hamburg langfristig schwächt. Es ist ein Dilemma: Füttert man den Drachen, damit er bleibt, oder hungert man ihn aus und riskiert, dass er weiterzieht?
Die Rolle der USA: Der Elefant im Raum
Man kann den Konflikt um Nexperia nicht analysieren, ohne die Rolle der USA zu betrachten. Washington übt massiven Druck auf seine Verbündeten aus, China vom Zugang zu westlicher Chiptechnologie abzuschneiden. Dies betrifft vor allem ASML (die Maschinenbauer), aber zunehmend auch Chiphersteller wie Nexperia.
Die USA argumentieren mit der “National Security”. Doch Kritiker in Europa sehen darin auch knallharte Industriepolitik. Indem die USA europäische Unternehmen zwingen, das China-Geschäft einzuschränken, schwächen sie auch die europäische Wettbewerbsposition, während sie ihre eigene Chipindustrie (Intel, GlobalFoundries) mit Milliarden fördern.
Europa droht, im Handelskrieg zwischen den USA und China zerrieben zu werden. Der Fall Nexperia zeigt, wie wenig Handlungsspielraum wir tatsächlich noch haben, wenn die Supermächte ihre Muskeln spielen lassen.
Analyse: Ist Nexperia noch ein europäisches Unternehmen?
Juristisch gesehen ist Nexperia eine niederländische B.V. (Besloten Vennootschap). Doch de facto liegt die Kontrolle in China. Diese Diskrepanz ist der Kern des Problems.
In einer globalisierten Welt war die Herkunft des Kapitals lange Zeit irrelevant. “Geld hat kein Mascherl”, hieß es oft. Heute wissen wir: Geld hat sehr wohl eine Nationalität, und diese Nationalität bestimmt die Loyalität.
Wenn es hart auf hart kommt – etwa in einem Konflikt um Taiwan – wem wird Nexperia gehorchen? Den Gesetzen in Den Haag oder den Anweisungen aus Peking via Wingtech? Die Antwort dürfte jedem Realisten klar sein. Die europäischen Strukturen sind im Krisenfall vermutlich nur eine Hülle.
Deshalb ist die Debatte um nationale Sicherheit keine Hysterie, sondern notwendige Risikovorsorge. Wir haben bei russischem Gas gesehen, wohin naive Abhängigkeit führt. Wir dürfen bei Halbleitern nicht den gleichen Fehler machen.
Die Zukunft der europäischen Chip-Strategie
Der Konflikt um Nexperia offenbart die Schwächen des European Chips Act. Das Ziel, den europäischen Marktanteil auf 20% zu verdoppeln, ist ambitioniert. Aber es fehlt an einer klaren Strategie für den Umgang mit ausländischem Eigentum an kritischer Infrastruktur.
Wir brauchen:
- Schärfere Investitionskontrollen: Nicht nur für High-Tech, sondern auch für systemrelevante Basis-Technologien.
- Europäische Konsortien: Wir müssen Alternativen zu chinesischen Investoren schaffen, notfalls mit staatlicher Beteiligung oder europäischen Fonds.
- Realismus: Eine vollständige Entkopplung (De-Coupling) von China ist illosorisch und wirtschaftlich selbstmörderisch. Wir brauchen ein “De-Risking” – also die Reduzierung einseitiger Abhängigkeiten.
Was das für die Industrie bedeutet (Interpretation)
Für Einkäufer in der Automobil- und Industriebranche bedeutet der Fall Nexperia Unsicherheit.
- Diversifizierung ist Pflicht: Wer sich allein auf Nexperia verlässt, geht ein geopolitisches Risiko ein. Second-Source-Strategien (z.B. mit Infineon, STMicroelectronics oder Onsemi) werden überlebenswichtig.
- Preisturbulenzen: Sollten politische Spannungen eskalieren und Zölle oder Exportbeschränkungen greifen, werden selbst “billige” Chips plötzlich teuer oder unzugänglich.
- Compliance-Druck: Unternehmen müssen ihre Lieferketten genauer denn je prüfen, um nicht ins Visier von US-Sanktionen zu geraten, wenn sie mit chinesisch kontrollierten Firmen Geschäfte machen.
Der menschliche Faktor: Eine Atmosphäre der Angst?
Berichte über eine “Atmosphäre der Angst” in den europäischen Nexperia-Standorten sind alarmierend. Wenn Ingenieure und Manager sich nicht mehr trauen, offen zu sprechen, leidet die Innovationskraft. Innovation braucht Freiheit, Offenheit und Vertrauen. Ein rigides, von oben gesteuertes Regime, wie es in manchen chinesischen Konzernen üblich ist, könnte den “Spirit”, der Nexperia stark gemacht hat, ersticken.
Dies wäre die eigentliche Tragödie: Dass ein florierendes europäisches Technologieunternehmen nicht durch Sanktionen, sondern durch einen Kulturkampf im Inneren zerstört wird.
Fazit und Prognose: Ein düsterer Ausblick?
Der Kampf um Nexperia ist noch nicht entschieden. Die Niederlande und Deutschland versuchen, über Regulierung und Förderpolitik Einfluss zu behalten. Doch der Zug der Eigentumsverhältnisse ist abgefahren. Eine Rückabwicklung der Übernahme ist unrealistisch.
Meine Prognose:
Der Konflikt wird sich verschärfen. Die USA werden den Druck erhöhen, Nexperia noch stärker von westlichen Märkten oder Technologien zu isolieren, solange es in chinesischer Hand ist. Europa wird versuchen, einen Mittelweg zu finden, um die Werke in Hamburg und Nijmegen zu retten, wird aber zunehmend scheitern, da Sicherheitsinteressen Vorrang vor Wirtschaftsinteressen bekommen werden.
Langfristig könnte dies bedeuten, dass Nexperia in zwei Teile zerfällt: Einen chinesischen Teil, der den asiatischen Markt bedient, und einen verkümmerten europäischen Rumpf, der langsam an Bedeutung verliert, weil ihm Investitionen und Vertrauen entzogen werden.
Für Europa ist die Lektion bitter: Technologische Souveränität kann man nicht kaufen, man muss sie besitzen. Und wir haben sie im Fall Nexperia leichtfertig verkauft.
FAQs (Häufig gestellte Fragen)
1. Warum ist Nexperia so wichtig für die Autoindustrie?
Nexperia produziert Standardchips (Dioden, Transistoren), die für die Steuerung von Stromflüssen in fast jedem elektronischen System eines Autos essenziell sind – vom Fensterheber bis zum Batteriemanagement.
2. Wem gehört Nexperia aktuell?
Nexperia ist eine 100-prozentige Tochtergesellschaft von Wingtech Technology, einem chinesischen Technologieunternehmen, das an der Börse in Shanghai gelistet ist.
3. Was unternimmt die niederländische Regierung gegen den chinesischen Einfluss?
Die Niederlande nutzen neue Gesetze zur Investitionsprüfung (Vifo), um Übernahmen durch Nexperia (wie im Fall Nowi) genau zu untersuchen und können Bedingungen auferlegen oder Übernahmen verbieten, wenn die nationale Sicherheit gefährdet ist.
4. Ist Nexperia von den US-Sanktionen betroffen?
Indirekt ja. Obwohl Nexperia keine High-End-Chips herstellt, die primäres Ziel der Sanktionen sind, erschwert das geopolitische Klima den Zugang zu bestimmten Maschinen und Märkten, und Kunden könnten aus Angst vor zukünftigen Sanktionen abwandern.
5. Was ist der Unterschied zwischen NXP und Nexperia?
NXP ist der ehemalige Mutterkonzern. Nexperia wurde 2017 als eigenständiges Unternehmen ausgegründet, das sich auf Standardprodukte konzentriert, während NXP sich auf komplexere Mixed-Signal- und Digital-Chips fokussiert.

