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Montag, Januar 5, 2026
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Netflix kauft Ready Player Me: Ein strategischer Schachzug für die Zukunft des Metaverse-Gamings?

Die Nachricht schlug kurz vor Jahresende ein wie eine Bombe in der Tech-Welt: Netflix übernimmt das estnische Startup Ready Player Me. Auf den ersten Blick mag dies wie eine weitere kleine Akquisition im Portfolio des Streaming-Giganten wirken, doch bei genauerem Hinsehen offenbart sich hier ein fundamentaler Wandel in der Strategie des Unternehmens aus Los Gatos. Es geht nicht mehr nur darum, was wir sehen, sondern wer wir in diesen digitalen Welten sind. Die Übernahme ist ein klares Signal: Netflix will nicht nur Spiele anbieten, sondern eine persistente digitale Identität für seine Nutzer schaffen.

In diesem ausführlichen Analyse-Artikel beleuchten wir die Hintergründe dieses Deals, was er für die Gaming-Industrie bedeutet und warum Ihr Netflix-Profil bald sehr viel persönlicher aussehen könnte, als Sie es gewohnt sind. Wir analysieren kritisch, ob dies der lang ersehnte Durchbruch für das Massenmarkt-Metaverse ist oder ein verzweifelter Versuch, Abonnenten durch Gamification zu binden.


Die Anatomie des Deals: Was wir wissen

Die Faktenlage ist klar, auch wenn finanzielle Details unter Verschluss gehalten wurden. Netflix hat Ready Player Me gekauft, eine Plattform, die sich darauf spezialisiert hat, 3D-Avatare für verschiedene Spiele und virtuelle Welten zu erstellen. Das Ziel von Ready Player Me war immer die Interoperabilität – ein Avatar, der in hunderten von verschiedenen Spielen funktioniert.

Das Ende der Offenheit?

Ein kritischer Punkt, der sofort ins Auge sticht, ist die geplante Schließung der bisherigen Dienste von Ready Player Me zum 31. Januar 2026. Dies markiert eine drastische Kehrtwende. Ready Player Me war der “Schweizer Taschenmesser”-Ansatz für Avatare, offen für tausende Entwickler. Unter Netflix wird diese Technologie nun proprietär. Das ist bedauerlich für das offene Metaverse, aber ein logischer Schritt für einen “Walled Garden” wie Netflix.

Rund 20 Mitarbeiter, darunter Co-Founder und CTO Rainer Selvet, wechseln zu Netflix. Interessanterweise bleiben drei der vier Gründer, inklusive CEO Timmu Tõke, außen vor. Dies deutet darauf hin, dass Netflix primär an der Technologie und dem Engineering-Talent interessiert ist, weniger an der bisherigen Unternehmensführung oder Vision eines offenen Ökosystems.

Tabelle: Die Eckdaten der Übernahme

MerkmalDetailBedeutung
KäuferNetflixStärkt die Gaming-Sparte massiv.
ZielunternehmenReady Player Me (Estland)Marktführer für Cross-Game-Avatare.
KerntechnologieKI-basierte Avatar-ErstellungErmöglicht skalierbare Personalisierung.
PersonalCa. 20 Mitarbeiter wechselnFokus auf technische Integration (Acqui-hire).
DienstleistungBisheriger B2B-Service endet 2026Technologie wird exklusiv für Netflix genutzt.
Strategisches ZielCross-Game-IdentitätNutzerbindung durch emotionale Investition.

Warum Avatare? Die Psychologie hinter der digitalen Identität

Warum investiert ein Streaming-Dienst, der sein Geld mit Filmen und Serien verdient, in Avatar-Technologie? Die Antwort liegt in der Psychologie der Nutzerbindung (Retention).

Von Zuschauern zu Akteuren

Netflix hat ein Problem: Die Konkurrenz ist riesig. Disney+, Amazon Prime, HBO – sie alle kämpfen um unsere Aufmerksamkeit. Netflix’ Vorstoß ins Gaming war der erste Schritt, um mehr als nur passiven Konsum anzubieten. Doch Spiele allein reichen nicht. Wenn Nutzer jedoch Zeit investieren, um einen digitalen Zwilling zu erstellen – einen Avatar, der ihnen ähnelt oder ihr ideales Selbstbild repräsentiert –, entsteht eine tiefere emotionale Bindung.

Dieser “IKEA-Effekt” (man schätzt Dinge mehr, an deren Erstellung man beteiligt war) ist im Gaming wohlbekannt. Fortnite verkauft keine Vorteile, es verkauft Identität durch Skins. Netflix möchte diesen Mechanismus nutzen. Stellen Sie sich vor, Ihr Avatar ist nicht nur in einem Spiel verfügbar, sondern ist Ihr Profilbild, taucht in interaktiven Filmen auf oder kann in einer Lobby mit Freunden interagieren, bevor Sie gemeinsam einen Film schauen (“Watch Party” 2.0).

Das Versprechen der Interoperabilität

Ready Player Me war führend darin, Assets (Kleidung, Accessoires) automatisch an verschiedene Grafikstile anzupassen (“Rigging”). Das ist technisch extrem anspruchsvoll. Ein T-Shirt muss in einem realistischen Shooter anders fallen als in einem Cartoon-Puzzle-Spiel.
Diese Technologie erlaubt es Netflix, Netflix IP (Intellectual Property) massiv zu skalieren. Sie könnten ein “Stranger Things”-Outfit verkaufen oder als Belohnung vergeben, das Ihr Avatar dann sowohl im “Stranger Things”-Spiel als auch in einem generischen Poker-Spiel auf der Plattform tragen kann. Das schafft ein kohärentes Ökosystem.


Kritische Analyse: Die Risiken der Netflix-Strategie

Nicht alles glänzt in Los Gatos. Diese Übernahme birgt auch Risiken und wirft kritische Fragen auf, die über den reinen Tech-Optimismus hinausgehen.

1. Der Konflikt zwischen passivem und aktivem Konsum

Netflix ist der König des “Lean Back”-Erlebnisses. Wir lassen uns berieseln. Gaming ist “Lean Forward”. Avatare erfordern aktive Pflege und Interaktion. Es ist keineswegs garantiert, dass der durchschnittliche Netflix-Nutzer, der nach Feierabend einfach nur Bridgerton schauen will, Lust hat, seinen Avatar neu einzukleiden. Die Hürde zur Nutzung könnte höher sein, als Netflix annimmt.

2. Datenschutz und digitale Ethik

Wenn wir Avatare erstellen, die auf unseren biometrischen Daten basieren (z.B. durch ein Foto-Upload, wie es Ready Player Me anbietet), geben wir extrem sensible Daten preis. In den Händen eines Unternehmens, das bereits genau weiß, was wir wann schauen, entsteht ein noch detaillierteres Profil. Wie wird Netflix diese Daten nutzen? Werden wir in Zukunft Werbung sehen, bei der die Statisten im Hintergrund unsere eigenen Avatare sind? Die ethischen Implikationen von KI-generierten Inhalten und Deepfakes im Kontext personalisierter Avatare sind noch lange nicht geklärt.

3. Die Qualität der Spiele

Ein Avatar ist nur so gut wie die Welt, in der er sich bewegt. Bisher ist das Gaming-Portfolio von Netflix eine Mischung aus genialen Indie-Titeln (wie Hades) und eher simplen Mobile-Games. Wenn die Spiele selbst nicht fesseln, nützt der schönste Ready Player Me Avatar nichts. Die Integration muss nahtlos sein. Wenn mein Avatar in einem Spiel verbuggt aussieht oder nicht zum Art-Style passt, bricht die Immersion sofort.


Die Rolle der KI: Mehr als nur bunte Bilder

Ein Schlüsselaspekt der Technologie von Ready Player Me ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI). Dies ist entscheidend für die Skalierbarkeit.

Automatisierung des “Asset Fitting”

Früher mussten 3D-Künstler jedes Kleidungsstück für jeden Avatar-Körpertyp manuell anpassen. Ready Player Me nutzt KI, um diesen Prozess zu automatisieren. Für Netflix bedeutet das: Sie können Tausende von virtuellen Gegenständen (Merchandise) auf den Markt werfen, ohne eine Armee von 3D-Designern beschäftigen zu müssen. Das senkt die Kosten für digitalen Content dramatisch.

Generative KI für Personalisierung

Zukunftsmusik, aber realistisch: Mit generativer KI könnten Nutzer ihren Avataren nicht nur Kleidung aus einem Katalog anziehen, sondern diese per Text-Prompt selbst entwerfen (“Erstelle ein T-Shirt mit dem Logo von Squid Game im Neon-Stil”). Netflix könnte hier eine Vorreiterrolle einnehmen und User-Generated Content (UGC) auf ein neues Level heben, kontrolliert innerhalb ihres Ökosystems.


Auswirkungen auf die Gaming-Industrie

Die Übernahme ist ein Weckruf für die Konkurrenz.

  • Für Disney: Disney hat mit seiner Investition in Epic Games (Fortnite) bereits einen ähnlichen Weg eingeschlagen. Der Kampf um das “Entertainment Metaverse” spitzt sich zu. Disney hat die Charaktere, aber Netflix baut nun die Infrastruktur für die Nutzer-Charaktere.
  • Für Indie-Entwickler: Der Verlust von Ready Player Me als offene Plattform ist schmerzhaft. Viele kleine Studios verließen sich auf deren Tech, um Zeit zu sparen. Es entsteht eine Marktlücke für neue Anbieter von Open-Source-Avatar-Lösungen.
  • Für Plattformen (Roblox, Fortnite): Netflix wildert nun direkt in deren Revier. Bisher war Netflix der Ort für Geschichten, Roblox der Ort für soziales Spiel. Diese Grenzen verschwimmen.

Deep Dive: Die technische Herausforderung der Cross-Game-Avatare

Lassen Sie uns technisch werden. Warum ist das, was Ready Player Me macht, so schwer?

Ein 3D-Modell besteht aus einem “Mesh” (dem Gittermodell), “Texturen” (der Bemalung) und einem “Rig” (dem Skelett für Animationen).

  • Problem 1: Poly-Count. Ein High-End PC-Spiel verträgt Avatare mit 100.000 Polygonen. Ein Mobile-Game auf einem älteren Android-Gerät bricht bei 5.000 Polygonen zusammen. Ready Player Me optimiert diese Modelle dynamisch.
  • Problem 2: Skeleton Mapping. Spiel A nutzt ein Skelett mit 50 Knochen (inklusive Fingerbewegungen). Spiel B nutzt nur 20 Knochen. Die Animationen von Spiel A würden den Avatar in Spiel B wie ein Monster verzerren. Die Software von Ready Player Me “übersetzt” diese Skelett-Daten.

Dass Netflix diese Technologie nun in-house besitzt, gibt ihnen einen enormen Vorteil bei der Entwicklung ihrer eigenen Cloud-Gaming-Infrastruktur. Sie müssen sich nicht auf externe Standards verlassen, sondern können ihren eigenen “Netflix-Standard” für digitale Assets definieren.


Zukunftsszenarien: Wie sieht Netflix 2030 aus?

Basierend auf dieser Akquisition können wir einige spannende Prognosen wagen:

  1. Das “Netflix House”: Ähnlich wie das Home-Menü der PlayStation Home damals, könnte Netflix einen virtuellen Raum schaffen, in dem wir uns mit Freunden treffen, um Inhalte zu starten. Unser Avatar sitzt auf der virtuellen Couch.
  2. Interaktive Serien mit dem eigenen Ich: Erinnern Sie sich an Bandersnatch? Stellen Sie sich vor, die Hauptfigur sieht plötzlich aus wie Sie. Dank Echtzeit-Rendering und der Avatar-Tech wäre das technisch machbar. Das wäre die ultimative Immersion – oder der ultimative Horror.
  3. Digitales Merchandising als Revenue Stream: Netflix könnte aufhören, die Abo-Preise zu erhöhen, und stattdessen digitale Güter verkaufen. “Kaufe das Kleid von Wednesday Addams für deinen Avatar für 0,99 €”. Das Freemium-Modell hält Einzug ins Streaming.

Ein mutiger Schritt mit ungewissem Ausgang

Die Übernahme von Ready Player Me durch Netflix ist mehr als eine Fußnote in den Wirtschaftsnachrichten. Es ist ein Beweis dafür, dass die Grenzen zwischen passivem Zuschauen und interaktivem Spielen endgültig fallen. Netflix baut an einem Ökosystem, in dem unsere digitale Identität so wichtig wird wie unsere Watchlist.

Kritisch betrachtet muss man jedoch warnen: Technologie allein schafft keinen Spielspaß. Nur weil ich einen Avatar habe, spiele ich kein langweiliges Spiel. Netflix muss beweisen, dass sie diese Technologie nutzen können, um bessere Unterhaltung zu schaffen, nicht nur mehr Monetarisierungsmöglichkeiten. Der Verlust der offenen Plattform Ready Player Me ist ein Schlag für das offene Internet, aber ein Gewinn für die geschlossene Welt von Netflix. Ob die Nutzer bereit sind, in diesem goldenen Käfig zu spielen, wird die Zeit zeigen.

Wir stehen am Anfang einer Ära, in der “Streaming” nicht mehr nur Video bedeutet, sondern das Streamen von virtuellen Existenzen. Netflix hat sich gerade das Ticket für diese Reise gekauft.

Was passiert mit meinem bestehenden Ready Player Me Avatar?

Da Netflix die Dienste von Ready Player Me zum 31. Januar 2026 für externe Entwickler und Nutzer schließt, ist die Zukunft bestehender Avatare außerhalb des Netflix-Kosmos ungewiss. Es ist ratsam, Daten zu sichern, sofern möglich. Innerhalb von Netflix-Spielen wird die Technologie jedoch weiterleben und neu implementiert.

Wird Netflix jetzt teurer durch die Gaming-Investitionen?

Bisher sind die Spiele im Standard-Abo enthalten, ohne Aufpreis oder Werbung. Diese Akquisition deutet darauf hin, dass Netflix den Wert des Abos steigern will, um Preiserhöhungen zu rechtfertigen oder die Abwanderung (Churn) zu verringern. Direkte Kosten für Avatare (Mikrotransaktionen) sind in Zukunft denkbar.

Kann ich meinen Netflix-Avatar auch in Fortnite oder Roblox nutzen?

Nein. Die Übernahme macht die Technologie proprietär. Das Ziel von Netflix ist ein “Walled Garden”. Avatare werden voraussichtlich nur innerhalb des Netflix-Spiele-Ökosystems funktionieren, nicht auf Konkurrenzplattformen.

Welche Daten sammelt Netflix durch die Avatar-Erstellung?

Wenn Sie ein Foto hochladen, um einen Avatar zu generieren, werden biometrische Merkmale analysiert. Zusammen mit Ihrem Sehverhalten und Ihren Spielgewohnheiten entsteht ein sehr genaues Nutzerprofil. Es gelten die Datenschutzbestimmungen von Netflix, die man sich genau ansehen sollte.

Wann kann ich die neuen Avatare auf Netflix nutzen?

Ein genaues Datum wurde noch nicht genannt. Da die Integration der Technologie und des Teams Zeit benötigt, ist mit ersten Implementierungen frühestens Ende 2026 oder 2027 zu rechnen.

Vertiefende Analyse: Der Marktkontext und die Konkurrenzsituation

Um die Tragweite dieser Entscheidung vollständig zu begreifen, müssen wir den Blick über den Tellerrand von Netflix hinaus richten. Der Markt für digitale Identitäten und Avatare ist hart umkämpft und fragmentiert.

Der Kampf gegen die Tech-Giganten

Netflix tritt mit diesem Schritt nicht nur gegen Disney oder HBO an, sondern begibt sich in direkte Konkurrenz zu Unternehmen wie Meta (ehemals Facebook), Apple und den großen Gaming-Publishern.

  • Meta’s Vision vs. Netflix’ Realität: Mark Zuckerberg hat Milliarden in seine Version des Metaverse investiert, mit mäßigem Erfolg bei der breiten Masse. Die Avatare von Meta wurden oft wegen ihrer simplen, beinlosen Ästhetik verspottet (auch wenn diese mittlerweile verbessert wurden). Netflix nähert sich dem Thema von einer anderen Seite: Content First. Während Meta versucht, soziale Räume zu bauen und hofft, dass Inhalte folgen, hat Netflix bereits die Inhalte und die emotionale Bindung zu Franchises. Einen Avatar zu erstellen, um in der Welt von Stranger Things oder One Piece zu interagieren, ist für viele Nutzer ein deutlich attraktiverer Einstiegspunkt als ein steriler virtueller Meetingraum.
  • Apple und die Spatial Personas: Mit der Vision Pro hat Apple seine eigene Vorstellung von digitalen Identitäten (“Personas”) eingeführt, die auf hyper-realistischen Scans basieren. Das ist technologisch beeindruckend, aber für den Massenmarkt und Gaming oft zu “uncanny” (unheimlich) und hardwarehungrig. Der Ansatz von Ready Player Me – und nun Netflix – setzt auf stilisierte, aber sympathische Charaktere, die auf jedem Smartphone laufen. Das ist der demokratischere, zugänglichere Ansatz.

Die Bedeutung der “Gen Z” und “Gen Alpha”

Netflix plant langfristig. Die Zielgruppen, die jetzt heranwachsen (Gen Z und Alpha), unterscheiden kaum noch zwischen physischer und digitaler Identität. Für einen 15-Jährigen ist der Skin in Roblox oder Valorant genauso statusrelevant wie Marken-Sneaker auf dem Schulhof.
Indem Netflix eine persistente Identität über mehrere Spiele hinweg ermöglicht, sprechen sie genau diese Sprache. Sie verhindern, dass diese Generation Netflix als “altmodisches Fernsehen” wahrnimmt. Es ist eine Verjüngungskur für die Marke.


Technologischer Exkurs: Die Magie des “Cross-Game”

Lassen Sie uns noch tiefer in die technische Brillanz eintauchen, die Netflix sich hier gesichert hat. Das Schlagwort ist Interoperabilität, aber was bedeutet das auf Code-Ebene?

Traditionell sind Spiele “Silos”. Ein Charakter in Call of Duty besteht aus hochauflösenden Texturen und komplexen Shadern. Ein Charakter in Among Us ist eine 2D-Zeichnung. Diese beiden Welten zu verbinden, ist fast unmöglich.
Ready Player Me hat einen “Standard” geschaffen, der auf glTF (GL Transmission Format) basiert, oft als das “JPEG für 3D” bezeichnet.
Ihre API (Schnittstelle) erlaubt es einem Spiel, zur Laufzeit (Runtime) einen Avatar abzurufen. Der Clou: Das Spiel sagt der API: “Ich brauche einen Avatar, aber bitte nur mit 10.000 Polygonen und im Cartoon-Shader”. Die Server von Ready Player Me generieren dieses Modell on the fly.

Warum ist das für Netflix so wertvoll?
Netflix streamt Spiele auf Fernseher, Handys und Tablets. Die Hardware-Leistung variiert extrem.

  • Auf einem High-End Tablet kann Netflix das “High Quality”-Modell des Avatars laden.
  • Auf einem älteren Smart TV, der das Spiel nur per Cloud streamt, kann eine optimierte Version geladen werden, um Latenz zu sparen.
    Diese Flexibilität ist der Schlüssel für das Cloud-Gaming, das Netflix massiv ausbaut. Sie haben sich mit dem Kauf im Grunde die perfekte Middleware für ihre Cloud-Infrastruktur gesichert.

Kritischer Diskurs: Die “Enshittification” des Internets?

Der Begriff “Enshittification” (geprägt von Cory Doctorow) beschreibt, wie Plattformen erst gut für Nutzer sind, dann gut für Geschäftskunden, und am Ende alles opfern, um Wert für Aktionäre abzuschöpfen.
Ready Player Me war ein Beispiel für das “gute” Internet: Ein Tool, das Entwicklern half und Nutzern Freiheit gab.
Die Übernahme durch Netflix könnte als weiterer Schritt in diesem Prozess gesehen werden. Eine offene Ressource wird privatisiert.

  • Vorher: Ein Indie-Entwickler konnte Ready Player Me nutzen, um sein kleines Spiel aufzuwerten.
  • Nachher: Diese Technologie steht nur noch den Studios zur Verfügung, die für Netflix arbeiten.

Dies führt zu einer Zentralisierung von Macht. Innovation findet oft an den Rändern statt, bei kleinen Bastlern und Hackern. Wenn die besten Tools hinter Paywalls oder Firmenmauern verschwinden, verlangsamt sich die Innovation im gesamten Sektor. Netflix mag kurzfristig profitieren, aber die Industrie als Ganzes verliert einen Standard.


Szenario-Planung: Wie die Integration ablaufen könnte

Wie genau wird der “Netflix Avatar” aussehen? Wir können drei Phasen der Integration skizzieren:

Phase 1: Das Profilbild Plus (2026-2027)
Zunächst wird der Avatar wahrscheinlich nur kosmetisch sein. Anstatt eines statischen Bildes von “The Witcher” wählen Sie Ihren 3D-Kopf. Vielleicht bewegt er sich leicht, wenn Sie durch das Menü scrollen. In den ersten einfachen Mobile-Games von Netflix können Sie diesen Avatar dann importieren.

Phase 2: Die soziale Lobby (2027-2028)
Netflix experimentiert bereits mit “Party Games” für den TV, bei denen das Smartphone als Controller dient. Hier ist der ideale Einsatzort. Sie sitzen mit drei Freunden auf der Couch, jeder hat sein Handy. Auf dem TV-Bildschirm erscheinen Ihre vier Avatare. Sie spielen Quiz-Spiele oder Partyspiele. Der Avatar wird zur Repräsentation des Spielers im lokalen Multiplayer.

Phase 3: Das narrative Metaverse (2028+)
Hier wird es visionär. Netflix könnte Spiele entwickeln, die episodisch erscheinen – wie Serien. Ihr Avatar ist der Protagonist. Entscheidungen, die Sie in Episode 1 (Spiel-Level 1) treffen, beeinflussen das Aussehen Ihres Avatars in Episode 2. Vielleicht bekommen Sie eine Narbe, ein Abzeichen oder ein spezielles Item. Diese persistente Veränderung des Avatars über Monate hinweg wäre eine völlig neue Form des Storytellings (“Emergent Storytelling”).


Wirtschaftliche Perspektive: Der ARPU (Average Revenue Per User)

Investoren schauen auf den ARPU. In gesättigten Märkten wie Nordamerika und Europa kann Netflix kaum noch neue Nutzer gewinnen. Wachstum muss also durch mehr Umsatz pro bestehendem Nutzer kommen.
Werbefinanzierte Abos waren der erste Schritt. In-Game-Käufe (Microtransactions) für Avatare sind der logische nächste.
Analysten schätzen, dass der Markt für “Digital Fashion” bis 2030 Milliarden wert sein wird. Wenn Netflix nur 5% seiner 260+ Millionen Abonnenten dazu bringt, einmal im Jahr 5 Euro für ein digitales Outfit auszugeben, reden wir über massive zusätzliche Einnahmequellen, die fast zu 100% Marge sind (da digitale Güter keine Vervielfältigungskosten haben).

Dies birgt jedoch auch die Gefahr der User-Alienation (Nutzerentfremdung). Netflix wurde groß als Gegenentwurf zum Kabelfernsehen: Ein Preis, alles inklusive. Wenn sie anfangen, Nutzer wie “Cash Cows” zu melken, könnte das das Markenimage nachhaltig beschädigen. “Pay-to-Win” oder aggressive “Skin-Shops” in Netflix-Spielen könnten zu einem PR-Desaster führen. Netflix muss hier sehr vorsichtig navigieren, um das Vertrauen (“Trustworthiness” im EEAT-Kontext) nicht zu verspielen.


Das Team hinter dem Tech: Ein Blick auf Estland

Man darf den geographischen Aspekt nicht vergessen. Estland ist bekannt als die “digitale Republik”. Skype wurde dort erfunden, die gesamte Verwaltung ist digital. Ready Player Me ist ein Produkt dieses Ökosystems.
Dass Netflix ein europäisches Tech-Team integriert, ist auch kulturell spannend. Das Silicon Valley (Netflix) trifft auf baltischen Pragmatismus.
Die Tatsache, dass nur ein Gründer mitgeht, könnte auch auf kulturelle Differenzen hindeuten oder darauf, dass die anderen Gründer ihre Vision eines “Open Metaverse” nicht aufgeben wollten und nun neue Wege gehen. Für die europäische Startup-Szene ist der Exit ein zweischneidiges Schwert: Es beweist, dass man in Europa Weltklasse-Tech bauen kann (Erfolg), aber es zeigt auch, dass die großen US-Player diese Tech am Ende immer aufkaufen (Ausverkauf).


Abschließende Gedanken: Identität als Währung

Wir leben in einer Zeit, in der unsere Online-Identität oft wichtiger ist als unsere physische Präsenz. Wir treffen Menschen auf Zoom, chatten auf Discord, spielen in Fortnite.
Netflix hat erkannt, dass sie in diesem Spiel der Identitäten bisher nur Zuschauer waren. Wir konsumieren ihre Identitäten (die der Schauspieler), aber wir bringen unsere eigene nicht ein.
Mit der Akquisition von Ready Player Me ändert sich das fundamentale Versprechen von Netflix.
Vom “See what’s next” (Sieh, was als nächstes kommt) zu “Be what’s next” (Sei das Nächste).

Dies ist eine Wette auf die Zukunft. Eine Zukunft, in der wir nicht mehr unterscheiden zwischen “Ich schaue einen Film” und “Ich spiele ein Spiel. Eine Zukunft, in der Geschichten nicht nur erzählt, sondern bewohnt werden.
Ob wir bereit sind, unsere Identität in die Hände eines einzigen Konzerns zu legen, ist die große gesellschaftliche Frage, die über den Erfolg dieser technologischen Integration entscheiden wird.

Für den Moment bleibt uns nur das Beobachten. Aber seien Sie nicht überrascht, wenn Netflix Sie beim nächsten Login nicht mehr fragt “Wer schaut gerade?”, sondern Sie auffordert: “Erstelle dein Ich”.

Ehsaan Batt
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Ich bin Ehsaan Batt, ein erfahrener Autor und Schriftsteller mit Schwerpunkt auf Wirtschaft, Technologie und Finanzen. Meine Leidenschaft ist es, komplexe Themen zu enträtseln und fesselnde Geschichten zu verfassen, die die Leser befähigen und aufklären. Mein Ziel ist es, die Kluft zwischen Experten und Enthusiasten zu überbrücken und komplizierte Themen für alle zugänglich zu machen. Mit meiner Arbeit möchte ich neugierige Menschen inspirieren und einen bleibenden Eindruck bei ihnen hinterlassen.
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